Reaktionen auf den Vorschlag Steffi Lemkes zum erleichterten Wolfsabschuss

Zustimmung aber auch viel Kritik erntet Bundeumweltministerin Lemkes (Bündnis 90/Die Grünen) Vorschlag zur vereinfachten Entnahme von Wölfen

Ein einzelner Wolf. (Symbolbild: Christel SAGNIEZ auf Pixabay)
Ein einzelner Wolf. (Symbolbild: Christel SAGNIEZ auf Pixabay)

Bundesumweltministerin Steffi Lemke präsentierte am Donnerstag (12.10.2023) im Rahmen einer Bundespressekonferenz in Berlin Vorschläge für beschleunigte Maßnahmen zum Abschuss von Wölfen nach Nutztier-Rissen (wir berichteten). Wir haben einige Reaktionen dazu für Sie zusammengetragen:

Mecklenburg-Vorpommerns Agrar- und Umweltminister Dr. Till Backhaus reagierte mit einer deutlichen Forderung nach bundeseinheitlichen Regeln zum Abschuss von Wölfen, die Weidetiere angreifen:

Die Vorschläge der Ministerin gehen in die richtige Richtung“, sagt Backhaus, der am Morgen an einer Schaltkonferenz mit Ministerin Lemke teilgenommen hatte. „Über einen Zeitraum von drei Wochen auf Angriffe auf Weidetiere mit dem Abschuss von Wölfen reagieren zu können, kann ein Mittel sein, um die Beutegreifer von weiteren Übergriffen abzuhalten“, so Backhaus.

„Es ist mir aber wichtig, dass nicht die Länder – jedes für sich – definieren, in welchem Umkreis und auf welcher Entscheidungsgrundlage die Schnellabschüsse erfolgen sollen. Hier ist der Bund gefordert, in Abstimmung mit den Ländern eine eindeutige Rechtsgrundlage zu schaffen und diese detailliert auszukleiden, damit die gute Idee nicht an Brüssel scheitert. Aus meiner Sicht wäre eine Regelung im Bundesnaturschutzgesetz oder eine Bundesverordnung angezeigt.  Bis zur Umweltministerkonferenz im November gibt es daher noch viel zu tun. Ich wünsche mir, dass am Ende der Beratungen ein Beschluss erfolgt, dem der Bundesrat dann zustimmen kann. Ziel muss es sein, bis zum Beginn der kommenden Saison für die Weidetierhalter Klarheit zu schaffen“, so der Minister.

Sachsens Umweltminister Wolfram Günther (Bündnis 90/Die Grünen) begrüßt, dass Bundesumweltministerin Steffi Lemke Vorschläge zum Umgang mit dem Wolf vorgelegt hat:

Günther: „Wir brauchen schnellere und weniger aufwändige Verfahren, um einzelne Wölfe zu entnehmen. Schließlich brauchen wir Schaf- und Ziegenhaltung. Sie ist wichtig, um eine ökologisch vielfältige Kulturlandschaft zu erhalten. Gleichzeitig darf der umfassende Schutz des Wolfes nicht in Frage gestellt werden. Deswegen begrüße ich die Initiative.

Nun muss es darum gehen, die Vorschläge zu untermauern und rechtssicher auszugestalten und dabei noch offene Fragen zu klären. Steffi Lemke möchte sich hierzu intensiv mit den Ländern beraten. Wir sind im Kreis der Umweltministerinnen und -minister von Bund und Ländern an dem Thema dran. Wichtig ist mir, dass wir gemeinsam bundeseinheitliche Grundlagen für eine praktikable Handhabung vereinbaren. Das sind wir auch unseren Landkreisen mit den unteren Naturschutzbehörden schuldig, die letztlich im Einzelfall in der Verantwortung stehen.“

Niedersachsens Landwirtschaftsministerin Miriam Staudte (Bündnis 90/Die Grünen) kommentierte die Vorschläge von Bundesumweltministerin Steffi Lemke zum Umgang mit dem Wolffolgendermaßen:

„Der Vorschlag von Bundesumweltministerin Steffi Lemke bringt einen großen Fortschritt für mehr Schnelligkeit und Praxistauglichkeit bei der Entnahme von Wölfen, die landwirtschaftliche Schäden verursachen. Wenn Schafe oder Ziegen trotz Herdenschutz oder Pferde und Rinder gerissen werden, sollen Wölfe in der betroffenen Region künftig im Umkreis von 1000 Metern um betroffene Weiden innerhalb eines befristeten zeitlichen Rahmens entnommen werden können. In besonders belasteten Regionen kann es dann einfacher und schneller zu Entnahmen kommen. Nun wird es darum gehen, die Grundlagen zu schaffen, um zügig diesen weiteren Schritt in die Richtung eines regionalen Wolfsmanagements zu gehen.“

Bayerns Agrarministerin Michaela Kaniber (CSU) findet, dass Bundesministerin Lemke Nutztierhalter weiterhin im Stich lässt und erachtet eine „echte Bestandsregelung“ für dringend notwendig:

„Berlin hat es immer noch nicht verstanden. Ich bin enttäuscht: zuerst großspurige Ankündigungen, aber dann liefert Ministerin Lemke nicht. Sie verharrt nach wie vor ausschließlich bei der Entnahme von Problemwölfen. Das bringt uns einem dringend notwendigen Bestandsmanagement für Wölfe keinen Schritt näher. Nachhilfe für das Verfahren zur Entnahme von „Problemwölfen“ brauchen wir nicht. Bayern hat mit der Bayerischen Wolfsverordnung bereits europarechtskonform Abschüsse vereinfacht und eine Lösung für die Almen und Alpen entwickelt. Wir haben für diese Gebiete die Unzumutbarkeit von Herdenschutz geprüft und festgestellt. Bei uns genügt jetzt schon in diesen Gebieten ein Riss. Auch bei uns darf der Abschuss in räumlicher Nähe zum Riss bereits ohne DNA-Test erfolgen. Ministerin Lemke muss endlich das Bundesnaturschutzgesetz anpacken und sich in Brüssel für eine Anpassung der FFH-Richtlinie an die Realität einsetzen. Wir brauchen bei der permanent wachsenden Wolfspopulation endlich eine echte Bestandsregelung. Der Wolf ist in Europa nicht mehr gefährdet, aber die Weidetierhaltung ist es. Wieder verweigert sich Deutschland einer Lösung, wie sie zum Beispiel EU-Nachbarstaaten längst haben. Es ist eingetreten, was ich befürchtet habe: Die grünen Bundesminister haben vor den Wahlen auf Zeit gespielt, ohne das Problem der Weidetierhalter wirklich zu lösen.“

Das Forum Natur Brandenburg e.V. fordert ein aktives Wolfsmanagement:

„Die weitere Ausbreitung der Wölfe in unserer dicht besiedelten Kulturlandschaft schafft unnötiges Tierleid, verursacht enorme Kosten und gefährdet die Zukunft der Weidetierhaltung.“

Allein im Zeitraum von 2015 bis 2022 sind laut Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf in Deutschland insgesamt mehr als 20.000 Haus- und Weidetiere Opfer von Wolfsangriffen geworden. Im selben Zeitraum wurden 58,5 Mio. € zur Förderung des Herdenschutzes und weitere 2,9 Mio. € als Schadenersatz an die von Rissen betroffenen Tierhalter ausgezahlt. Obwohl Deutschland im weltweiten Vergleich die höchste Wolfsdichte aufweist, behaupten offizielle Stellen und NGO’s, der Wolf sei in Deutschland weiterhin gefährdet.

„Diesen von Naivität und Wunschdenken geprägte Ansatz muss Bundesumweltministerin Steffi Lemke umgehend beenden! Andere Mitgliedsstaaten der EU zeigen, dass sich eine stabile Wolfspopulation und extensive Weidehaltung von Nutztieren dann vereinbaren lassen, wenn konsequent und aktiv gegen schadenstiftende Wölfe vorgegangen wird und das weitere Anwachsen der Wolfspopulation bei Bedarf durch gezielte Bestandsregulierung gedeckelt wird.“ sagt Jens Schreinicke, Wolfsbeauftragter des Landesbauernverbandes Brandenburg und ergänzt: „Schweden hat auf Basis wissenschaftlicher Modellierungen einen Zielbestand von aktuell 310 Wölfen vorgegeben. Zum Vergleich: allein im Land Brandenburg leben derzeit ca. 1.000 Wölfe. Auffällige Wölfe, die geschützte Nutztiere oder Haustiere angreifen, werden in Schweden im Rahmen der so genannten Schutzjagd entnommen, ohne dass zuvor kriminalistischer Aufwand wie in Deutschland betrieben wurde. Übersteigt der Gesamtbestand der Wölfe trotz dieser Schutzjagden den definierten Zielbestand deutlich, wird unter wissenschaftlicher Begleitung und der Aufsicht der schwedischen Naturschutzbehörden gezielte Jagd auf eine festgelegte Anzahl von Wölfen gemacht.“

„Die Schutzjagd muss neben der Förderung von Zäunen und Herdenschutzhunden auch in Deutschland selbstverständlicher Bestandteil des Herdenschutzes werden. Dazu ist der von der EU gesetzte Rechtsrahmen endlich 1:1 auch in deutsches Recht umzusetzen. Gleichzeitig muss der Wolf in Deutschland ins Jagdrecht aufgenommen werden. Die Novellierung des Brandenburger Jagdgesetztes bietet dazu jetzt auch auf Landesebene die Möglichkeit. Auch das Monitoring des Wolfsbestandes in Europa muss endlich länderübergreifend und einheitlich betrieben werden.“ fordert Dr. Dirk Henner Wellershoff, Präsident des Landesjagdverbandes Brandenburg. „Zugleich muss auch Deutschland die jetzt auf EU-Ebene angedachte Anpassung beim Schutzstatus des Wolfes aktiv unterstützen. Das ist Voraussetzung für den längst überfälligen Einstieg in ein Bestandsmanagement.“ so Wellershoff.

Ein vom Aktionsbündnis Forum Natur erarbeitetes Modell für das zukünftige Bestandsmanagement zeigt, dass bereits im Wolfsjahr 2022/23 in allein in Brandenburg 80 Wölfe hätten entnommen werden müssen, um den aktuellen Bestand nicht noch weiter ansteigen zu lassen. Die Wolfspopulation wird dadurch nicht gefährdet.

Das unter Mitwirkung renommierter Wildbiologen erarbeitete Modell baut auf der Ermittlung der Geeignetheit der deutschen Wolfslebensräume auf und verschneidet diese mit dem vorhandenen Wolfsbestand. Auf den Daten des Bundesamtes für Naturschutz basierend wurde ein sogenannter Akzeptanzbestand für Wölfe ermittelt, der sich im Korridor der vollständigen Besetzung (Obergrenze) aller für Wölfe geeigneten Gebiete und einem Besatz mit lediglich 60 % (Untergrenze) einpegele. Aus dem Mittelwert von Obergrenze und Untergrenze ergäbe sich eine notwendige Entnahmequote für jedes einzelne Bundesland (https://ljv-brandenburg.de/download/wolfsmanagement-3-auflage/).