Wolfsalarm im Reichstag

Vergleiche mit Schweden bringen Wolfsfreunde gern in Rage. Aber nicht selten lässt ein Blick nach Skandinavien ahnen, was auf andere EU-Länder zukommt. Auch beim Versuch, die Rechtswirklichkeit der Raubtier-Euphorie anzupassen.

Wolf

Foto: christels

Aktueller Aufreger unter Bauern und Jägern in Schweden: Ein landesweit bekannter Pro-Wolf-Aktivist bekam im Auftrag der obersten Naturschutzbehörde Zugang zu streng geschützten Daten von Jägern und Jagdgesellschaften, die an legalen Wolfsjagden beteiligt waren. Der Mann bekam den Auftrag, als externer IT-Berater die Datenbank der Behörde zu pflegen. 

Pikant ist, dass die Verwaltung der Provinz Jämtland die Angelegenheit publik machte. Dort gehen die Beamten vom Verdacht auf Daten-Missbrauch der zweithöchsten Risikostufe aus. Der IT-Berater, der lange Jahre selber bei der Naturschutzbehörde tätig und hoher Funktionär eines Raubtier-Freundeskreises war, bestreitet Verfehlungen. 

Der Fall reiht sich in eine ganze Kette merkwürdiger Aktionen: Post- und Fernmeldegeheimnis werden bei Ermittlungen wegen womöglich illegaler Wolfsabschüsse wiederholt umgangen. Obwohl solche Methoden auch in Schweden der Verfolgung von Schwerstkriminalität vorbehalten sind. Verdächtige landen regelmäßig in Untersuchungshaft. 

Über Monate machte der Fall eines betagten Jägers Schlagzeilen: Polizei und örtliche Jagdbehörde bestätigten nach akribischer Beweisaufnahme, dass der Mann rechtens einen Wolf erlegte, der dabei war, den Hund des Jägers zu reißen. Weiter ermittelt wurde trotzdem, inklusive Haft und Auswertung von Mobilfunk-Gesprächen. 

Mittlerweile sorgen die Zustände für politische Konsequenzen. „Das Vertrauen in die Naturschutzbehörde hat den Tiefststand erreicht“, schreibt der Reichstagsabgeordnete Kjell-Arne Ottosson in einem Kommentar für das Jäger-Magazin „Svensk Jakt“. Die Behörde missachte regelmäßig die Interessen der Landbevölkerung in den Wolfsregionen und schade damit der Akzeptanz für den Wolf. 

Christdemokrat Ottoson, bekennender Jäger und Volksvertreter der Wolfsprovinz Värmland, beschreibt die Salami-Taktik der Naturschutzbehörde: Zum Beginn der Wolfsheimkehr (die in Värmland startete) habe der Beamte aus Stockholm für die Zielgröße von 10 Wölfen geworben. Daraus wurden dann 10 Paare nebst Nachwuchs.  

Heute leben in der schwedisch-norwegischen Region mindestens 100 Wölfe. Die für die Zeit nach Erreichen der Zielgröße versprochene Bejagung stößt dennoch auf energischen Widerstand der Naturschutzbehörde. Die diesjährige Lizenzjagd wurde auf ihr Betreiben abgeblasen. 

Zu Beginn der Rewilding-Debatte, erinnert der Politiker, habe die Organisation Skandulv (Schweden-Wolf) den überlebensfähigen Wolfsbestand für Schweden mit 43 Tieren beziffert. Danach war von 100 Wölfen für ganz Skandinavien die Rede. Heute ist diese Zahl allein schon in der Provinz Värmland überschritten. 

Dass das land- und forstwirtschaftlich geprägte Värmland die Hälfte aller schwedischen Wölfe beherbergt, ist zum Politikum geworden. Die Betroffenen beklagen etwa immer lauter, dass die Behörden in den schwedischen Metropolregionen weit schneller mit Schutzjagd-Genehmigungen reagieren, wenn Wölfe durch Siedlungen streifen oder sich an Hunden vergreifen.  

Im ländlichen Värmland, beschreibt Ottoson seine aktuelle Elchjagd-Erfahrung, kommt die lapidare Mitteilung, dass Elchhunde nur noch an der Leine arbeiten dürfen, weil Wölfe unterwegs sind – in der Praxis das Aus für die traditionelle Elchjagd mit dem „Löshund“. Mit dem Nebeneffekt, dass Wolfsregulierung und Wolfsverteilung über das gesamte Reichsgebiet durch Mangel an Beutetieren kaum zu befürchten ist. 

Neuerdings sorgt die Wolfshege sogar für diplomatische Komplikationen. Norwegens Regierung wehrt sich vehement gegen Einmischungsversuche der Stockholmer Naturschutzbehörde. Es geht dabei um das Wolfsmanagement in den grenzüberschreitenden Wolfsregionen. Während Norwegen regelmäßig Bestandsregulierung mit der Büchse genehmigt, sieht die schwedische Behörde darin eine Bedrohung des gemeinsamen Bestandes. 

Norwegen fühlt sich mit solch einer Raubtierpolitik im Einklang mit der Berner Artenschutzkonvention und belässt es nicht bei der Ausweisung „wolfsfreier Zonen“. Stattdessen gibt es in Norwegen „Wolfsregionen“, auf die sich die Raubtier-Population beschränkt. Auch zum Schutz der traditionellen Weidewirtschaft, die für Kühe und Schafe ohne Zäune möglich bleiben soll. 

Dass Bauern und Jäger aus Värmland etwas neidisch über die Grenze schauen, sorgt beim Abgeordneten Ottosson für warnende Worte: „Wenn wir nicht für eine Raubtierpolitik sorgen, mit der die Menschen leben können, werden sie die Sache selber in die Hand nehmen.“

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