Wölfe sollen alltäglich werden

Warum Wildtier-Experten die Jagd auf „Problemwölfe“ nicht zielführend finden und auf „normalen“ Umgang mit dem Raubtier hoffen

Wolf im Gebirge (Foto: Dieter Hopf)

Wolf im Gebirge (Foto: Dieter Hopf)

Bayerns Landesjagdverband hatte gestern (22.07.2020) im Rahmen einer Online-Veranstaltung zur Debatte um den Wolf geladen – und keiner in der prominent besetzten Runde will das Raubtier missen. Vorausgesetzt, dass sich die Politik zu praktikablen Regeln durchringt. 

Niemand hat Schaum vorm Mund an diesem Abend. Sätze wie der, dass Vernunft erst einkehren werde, wenn das erste Kind vom Wolf zerrissen wurde, fehlen gänzlich. „Das Risiko für Menschen wird gerne überschätzt“, sagt Sven Herzog, Professor an der Uni Dresden und in der Pro-Wolf-Szene trotz moderater Töne eine beliebte Hassfigur. 

Professor Hans-Dieter Pfannenstiel von der Freien Universität zu Berlin setzt noch einen drauf: „Ich glaube, dass es Problemwölfe überhaupt nicht gibt.“  Diese, meint der Wildtier-Biologe, sind vom Menschen gemacht. Weil wir ihnen ihre Menschenscheu nicht lassen. Sondern ihnen beibringen, dass Menschen mit ihren Nutztieren leichte Beute für den Wolf bereithalten. 

Polemisch formuliert, geht es um die Frage, für wie dumm Blauäugige den Wolf halten, wenn sie glauben, dass das Raubtier nicht lernt, Zäune zu überwinden – und laut Herzog zwar „jede Art von Zäunen“. Was da abläuft, klagt der Professor, sei „kein Wildtiermanagement“, sondern der verzweifelte Versuch, „Insellösungen“ zu etablieren. Mit immer teureren Schutzmaßnahmen für die Weidetiere. Und mit Wölfen, die immer schlauer werden, wie es nun mal ihre Art ist. 

Zur Sprache kommt auch die anfängliche Begeisterung der Forstpartie, die glaubte, der Wolf werde ihnen die Mühe mit der Jagd aufs Schalenwild abnehmen. Mit dem Ergebnis, dass Isegrim lieber Schafe frisst. Und auch mal einen Jagdhund. Was die Regiejagd am Ende zusätzlich erschwert, weil Hundeführer ihre Lieblinge nicht mehr von der Leine lassen. 

Praktische Hinweise aus der illustren Runde: Bei Nachsuchen besser die Beute aufgeben und den Hund keinesfalls schnallen, wenn der Wolf am Stück ist. Und gar nicht erst versuchen, ihn mit Warnschüssen zu vertreiben. Schüsse machen den Räubern nämlich keine Angst, sind für sie eher ein Signal, dass es was zu Fressen gibt. 

Professor Pfannenstiel versucht es mit Juristerei: Er kenne kein einziges Jagdgesetz, das nicht dazu verpflichtet, Wildbestände so zu regulieren, dass Land- und Forstwirtschaft nicht leiden. Gilt für Reh und Hirsch, für Gams und Sauen – nur bisher nicht für den Wolf. Da müsse sich niemand wundern, wenn das Landvolk zunehmend rebellisch wird, wenn „die Akzeptanz für den Wolf sinkt“. Vor allem dort, wo es welche gibt. 

Wo Hirsche schier vogelfrei werden, weil sie schon mal an Bäumchen knabbern, muss auch die Wolfsliebe Grenzen finden, finden die Professoren. Ulrich Maushake, Forstdirektor auf dem Truppenübungsplatz im bayerischen Grafenwöhr, zeigt viele Fotos von entspannten Wölfen – sogar neben explodierenden Übungsgranaten.  

Das Wolfspaar in seinem Revier hat bisher keinen Nachwuchs. Aber auch in Grafenwöhr, ahnt der Förster, werde es wohl „eine Explosion von Wölfen“ geben. Und dann, hoffe er, „dass wir irgendwie miteinander leben können“. Dass das beim Rotwild auch ohne Vernichtungsfeldzüge geht, hat der Bundesförster mit dem großen Herz für Tiere, viel beachtet nachgewiesen. Nun untersuchen sie in seinem Revier, was die Wölfe mit dem Wild machen – und mit dem Wald. 

Drei Experten auf dem Podium, alle drei beteuern, dass sie den Wolf nicht hassen. Aber dennoch ist zumindest bei den beiden Professoren klar, dass es ganz ohne Jagd auch bei diesem Wildtier nicht klappen wird. Pfannenstiel nennt dazu Zahlen: 105 Rudel haben in der Saison 2018/2019 exakt 394 Welpen gezeugt, darunter 154 zusätzliche Wölfe allein für Brandenburg. Mit Millionen für eine Verwaltung, deren Kosten den Aufwand für Entschädigungszahlungen bei weitem übersteigen. Und mit Risszahlen, die trotz teurem Herdenschutz unentwegt mit der Zahl der Wölfe wachsen. 

Deutschland auf dem Weg zur höchsten Wolfsdichte in ganz Europa, rechnet der Biologe vor. Und zählt die Länder auf, die der Herausforderung auch mit der Jagd begegnen: Finnland, Schweden. Frankreich, Spanien, Griechenland und das gesamte Baltikum. Polen, geteilt in Gebiete mit dem höchsten Schutzstatus IV nach europäischer Vorgabe und solchen nach Schutzklasse V, was, wie in Südeuropa, Bestandsregulierung mit der Büchse zulässt. 

Der Mann vom  bayerischen Umweltministerium, der die Debatte verfolgt, gibt den Wünschen nach solcher Bestandsregulierung im Wolfsland Deutschland wenig Chancen: Den nationalen Institutionen seien die Hände gebunden, so lange die Europäische Union am strengen Schutz festhält. Daran werde sich auch dann nichts ändern, wenn der Wolf ins Jagdrecht käme. 

Da stößt offenbar sogar Bayerns Staatsregierung an ihre Grenzen. Trotz real bedrohter Bergweide und wachsender Widerstände aus der Landwirtschaft. Zumindest der laute Teil der öffentlichen Meinung will dem Wolf kein Haar krümmen. Die Professoren glauben, dass sich das ändern könnte. Wenn immer mehr Kindergärten hohe Zäune aufstellen und nicht nur Nutz-, sondern auch vermehrt Haustiere auf der Strecke bleiben.  

Aus dem Publikum dazu die Anmerkung, dass es auch hilfreich wäre, hätten NABU-Funktionäre nicht mehr das Sagen im Bundesumweltministerium. Sven Herzog setzt eher auf längerfristige Prozesse: „Die anfängliche Euphorie in der Forstwirtschaft hat sich gelegt.“ Und in den Fachministerien wachse die Einsicht, dass die Entnahme von sogenannten Problemwölfen „oft nicht zielführend ist“.

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