Gedächtnisleistungen bei Wildtieren II 

Von schlauen Sauen und erfahrenen Alttieren

Drei Hirsche mit einem Stück Kahlwild (Foto: Burkhard Stöcker)

Drei Hirsche mit einem Stück Kahlwild (Foto: Burkhard Stöcker)

Phänomen Schwarzwild

Zu unseren intelligentesten Wildarten gehört unzweifelhaft das Schwarzwild. Schon der alte Nestor wusste das und auch der Verhaltensforschung Konrad Lorenz hat einmal sinngemäß gesagt: „Wenn ich gewusst hätte wie intelligent Wildschweine sind hätte ich meine Gänse, Gänse sein lassen und hätte mich der Erforschung der Borstenviecher gewidmet“. Und er hat nicht Unrecht – an die Anpassungs- und Lernfähigkeit unseres Schwarzwildes kommt kaum eine andere Tierart heran – der bundesweite Siegeszug der Schwarzkittel ist dafür beredtes Zeugnis.

Ja die Schweine gehen ja noch deutlich weiter: sie haben Vororte, Campingplätze und Schrebergartenkolonien inzwischen fest in ihrer Hand – Kinder werden frühmorgens von ihren Eltern zum Bus gebracht, weil sie sich nicht an den Wildschweinen vorbeitrauen, Bachen säugen ungeniert auf Bürgersteigen und zwingen Passanten zum Wechseln der Straßenseite. Schwarzwild hat in solchen Regionen (Berlin ist dafür inzwischen berühmt und berüchtigt) gelernt, dass es in befriedeten Bezirken weder knallt noch Funken schlägt – zumindest nicht in einer Form, die für die Schwarzkittel bedenklich wären.

Die im Grunewald vor etlichen Jahren durchgeführte Telemetriestudie spricht Bände: Fünfzehn Sauen wurden mit Sendern ausgestattet und ihre Lebensgewohnheiten konnten so Tag und Nacht verfolgt werden. Da frischte eine junge Bache keine fünf Meter entfernt von einer viel frequentierten Bushaltestelle, eine andere Bache frischte im Schutze eines Kulturzaunes. Erst Tage nachdem die Frischlinge den Kessel verlassen hatten, hob die Bache an günstiger Stelle den Zaun an, den sie vorher selbst in hochträchtigem Zustand ständig übersprungen hatte, um ihren Frischlingen den Weg in nahe Gärten und den Grunewald zu zeigen. Nahezu regendichte Kessel unter Brombeeren und Traubenkirschen teilten sich Stadtstreicher und Sauen in unregelmäßigen Abständen.

Im Grunewald kommt auf 3 ha eine Sau (auf der gleichen Fläche tummeln sich Jahr für Jahr 30.000 Berliner!) und obwohl sie bejagt werden, sind ihre Fluchtdistanzen erstaunlich gering: Im Durchschnitt 22 Meter für aktive Rotten und 12(!) Meter für inaktive. Die Berliner Sauen reizen dank ihres hervorragenden Lernvermögens die Vorteile der Großstadt gnadenlos aus.    

Im Vergleich mit seinem domestizierten Vetter schneidet auch das Gehirn des Schwarzwildes deutlich besser ab: Die ermittelte Gehirnmasse von Wildschweinen wird von keiner einzigen Hausschweinrasse übertroffen. Die Gehirnmasse verringerte sich beim Hausschwein gegenüber seinem wilden Verwandten um ca. 1/3 – die Gesamtlänge des Gehirns als auch die Oberfläche nahmen deutlich ab. Die belegten Unterschiede lassen sich natürlich problemlos auf die höheren Anforderungen zurückführen, denen das Wildschwein bei seiner Auseinandersetzung mit der Umwelt ausgesetzt ist. Aufgestallte, behütete und kontinuierlich mit Futter versorgte Hausschweine, haben eigenständiges Denken und Handeln nicht mehr nötig.  

 

Der Hirsch – ein Intellektueller?

Unsere beiden großen Hirscharten bleiben sicherlich in ihrer Intelligenz und Anpassungsffähigkeit deutlich hinter dem Schwarzwild zurück - als stammesgeschichtlich jüngere Art spricht man jedoch dem Damwild eine höhere Intelligenz zu als unserem heimischen Rotwild: die offenbar höhere Anpassungsfähigkeit an sich stets verändernde Kulturlandschaften ist zumindest ein Hinweis in diese Richtung.

Wie nachhaltig sich Ereignisse im Gedächtnis unserer Hirsche einprägen können, schildert der bekannte Rotwildexperte Harald Drechsler aus dem Harz: Er erlegte das Kalb eines markierten und gut bekannten mittelalten Alttieres. Er wartete lange bis sich das Alttier längst in der nahegelegenen Dickung eingeschoben hatte, trat dann zum sauber erlegten Kalb - und blickte in die weit aufgerissenen Lichter des am Dickungsrand wartenden Alttieres...dieses markierte Alttier, vorher vertraut und häufig zu beobachten sah Drechsler nach diesem einschneidenden Ereignis nie wieder.

Eine einzige Erfahrung, in der der todbringende Schuss mit dem Menschen verkoppelt wurde und das Alttier mied menschliche Nähe und Witterung offenbar wie die Pest. Wie oft passiert uns möglicherweise ähnliches, ohne dass wir auch nur einen Hauch davon wahrnehmen – wie oft wohl bekommen Wildtiere den Todesgeruch ihrer Artgenossen gemeinsam mit unserer Witterung in die Nase, oder Alttiere, Ricken und Sauen beobachten uns wie wir ihre erlegten Kollegen aufbrechen oder durch die Gegend zerren? Die Dunkelziffer jener von uns nicht registrierten Ereignisse wird ungeahnte Dimensionen haben! Und jedes Mal werden die Überlebenden schlauer und schlauer und schlauer – bis sie am Ende der Jagdsaison eine für uns geradezu „unsichtbare Schlauheit“ angenommen haben.

 

Im letzten Teil unserer Miniserie über die Gedächtnisleistungen unserer Wildtiere erfahren Sie noch etwas über Hase, Taube und Co. sowie darüber, wie das zuvor Beschriebene auf der Jagd Verwendung finden kann.

Logo der Stiftung Wald und Wild in Mecklenburg-Vorpommern

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Ein Beitrag von Burkhard Stöcker, von unserem Premiumpartner, der Stiftung Wald und Wild in Mecklenburg-Vorpommern.

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