Der Wolf, der Wald, die Weide und die Missverständnisse

Beim Artenschutz läuft schon lange so einiges schief und die meisten Lösungsansätze greifen viel zu kurz, wie eine neue Studie zeigt

Wolf im Schneetreiben (Foto: Dieter Hopf)

Wolf im Schneetreiben (Foto: Dieter Hopf)

In einer Studie haben sechs namhafte Wissenschaftler zum Komplex Wolf, Landwirtschaft und Naturschutz zusammengetragen, was schief läuft im Artenschutz. In der breiten Öffentlichkeit kam aber nur an, dass der Wolf zum Problem wird. Dabei ist das Raubtier nur eine Randerscheinung im Kampf gegen Naturzerstörung im großen Stil. Auch durch die Energiewende mit Biomassenutzung und das Bauernsterben.

Wer die ganze Studie liest, merkt schnell: Es läuft insgesamt viel schief, schon seit vielen Jahrzehnten. Und die meisten Lösungsansätze greifen viel zu kurz. Weil Artenhilfsprogramme oft nur Symbolcharakter haben. Und weil die Akteure nicht selten untereinander streiten, statt gemeinsame Interessen zu bündeln: Jäger gegen Förster, Weidetierhalter gegen Wolfsfreunde, Klimaschützer gegen den Rest der Welt.

Nur ein paar Sätze haben die Forscher der Forderung gewidmet, Problem-Wölfe konsequent abzuschießen, notfalls auch ganze Rudel. Trotzdem trifft sie der geballte Zorn der Sparten-Ökologie. Auch von einem ranghohen Förster, für den es gar nicht genug Wölfe geben kann, die Reh und Hirsch in seinen Wäldern kurzhalten, damit mehr Wald wächst. Dabei müsste den Mann noch weit mehr beunruhigen, dass die Biologen gerne viel mehr Pflanzenfresser in den Forsten hätten. Weil Offenland so wichtig ist. Nicht nur fürs Rotwild, sondern für eine intakte Natur und für die Artenvielfalt.

Rainer Luick, Professor an der Hochschule für Forstwirtschaft im württembergischen Rottenburg, ist einer der Autoren. Seit über drei Jahrzehnten versucht der Biologe einer durchaus interessierten Fachwelt zu vermitteln, dass jeder Kuhfladen wichtig ist für intakte Lebensgemeinschaften in Wald und Flur. Wegen der Insekten, die auf dem Mist gedeihen. Sie sind nicht nur Teil wichtiger Nahrungsketten, sondern auch zuständig für allerlei biologische Prozesse, die das Ökosystem Kulturlandschaft in der Balance halten.

Luick wünscht sich gar eine Renaissance der Waldweide. Er wäre froh, gäbe es in einigen unserer Wälder wieder Elche und/oder Rinder. Und bis dahin kämpft er auch für die bedrohte Existenz der Schäfer. Für sie, sagt der Biologe, wäre längst ein Artenhilfsprogramm fällig. Weil sie bei sechs Euro Durchschnittsstundenlohn jede Menge leisten zum Erhalt einer über Jahrtausende gewachsenen Kulturlandschaft, die wir längst als Natur empfinden. Der Wolf ist für den Professor der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Aber nicht die Ursache für den Niedergang der traditionellen Weidewirtschaft.

Den Wald als ökologisch unbedenklichen Energieträger zu begreifen, gehört für Luick zu den großen Missverständnissen der Umweltdebatte. Wenn im großen Stil Kraftwerke auf Holzbefeuerung umgestellt werden und der Brennstoff hierzu in riesigen Frachtschiffen über die Ozeane transportiert wird, verschärft eine vermeintliche Energiewende die Probleme, die sie lösen sollte. Wie der ausufernde Maisanbau für Bio(?)gasanlagen, der das ökologische Gleichgewicht empfindlich stört.

Dass ein Wald ohne Schalenwild letztlich auch die „Heimkehr“ der Wölfe erschwert und die Raubtiere am Ende schier zwingt, sich von Nutztieren zu ernähren, gehört auch zum ganzheitlichen Blick auf die Dinge. Wie die Mahnung der Forscher, dass eine von wolfssicheren Zäunen durchzogene Landschaft die ökologisch so wichtige Vernetzung der Fauna verhindert. Nicht der Wolf sei das Problem, sondern eine über Generationen „verfehlte Landwirtschaftspolitik“, die duldete, dass seit dem Jahr 1960 rund 90 Prozent der bäuerlichen, naturnah wirtschaftenden Landwirte aufgeben mussten.

Der Abschuss von Wölfen erscheint da eher als letztes Mittel, einen Rest naturverträglicher Landnutzung zu retten. Während „Bio“-Produkte aus industrieller Landwirtschaft die Discounter-Regale füllen und Jäger auf dem Wildbret sitzen bleiben und es nicht einmal „Bio“ nennen dürfen. Und während heimische Weidetierhalter von den Preisen nur träumen können, die der vermeintlich mündige Verbraucher für Fleisch aus fernen Kontinenten zahlt. Oder für Öko-Strom aus Lebensmitteln.

Eben erst haben wir über eine Arbeit des italienischen Forschers Stefano Mammola berichtet, die trefflich zum Thema passt: Der Löwenanteil der EU-Gelder für den Artenschutz geht für wenige – oft nicht einmal besonders bedrohte – Tierarten drauf. Während dem Kleingetier, das für die Nahrungsketten des Planeten unentbehrlich ist, nur Brosamen bleiben.

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