Der tote Wolf als Staatsaffäre

Ein schwedischer Vorzeige-Unternehmer kämpft für eine andere Raubtierpolitik und landet vor Gericht.

Die schwedische Staatsanwaltschaft ist immer noch auf der Suche nach einem toten Wolf, den es vielleicht gar nicht gibt. (Symbolbild: Marcel Langthim)

Die schwedische Staatsanwaltschaft ist immer noch auf der Suche nach einem toten Wolf, den es vielleicht gar nicht gibt. (Symbolbild: Marcel Langthim)

In Schweden wird der Wolf zur Staatsaffäre: Der Strafprozess gegen einen sehr erfolgreichen Unternehmer beschäftigt die Medien als ginge es um Massenmord an Menschen – und nicht um einen toten Wolf, der nie gefunden wurde.

Karl Hedin hat aus dem Sägewerk seiner Vorväter einen landesweit präsenten Baumarkt-Konzern gemacht. Der 71-jährige beschäftigt rund eintausend Angestellte. Er ist mit 40.000 Hektar einer der größten Privatwaldbesitzer in Europa und Herr über eine Eigenjagd, von der Normalsterbliche nur träumen können.

Nun steht der Vorzeige-Unternehmer vor Gericht. Er soll sich mit Jagdkameraden zur illegalen Hatz auf einen Wolf verabredet haben. Was der prominente Delinquent vehement bestreitet. Die Verhandlung gerät zum filmreifen Duell mit einem Staatsanwalt, der die geballte Staatsmacht aufgeboten hat, um seinen Kontrahenten zu überführen.

60 Polizeibeamte rückten an, um Wohnungen und Betriebsgelände des Sägewerkers und seiner Jagdkameraden zu durchsuchen.

Die Nationalpolizei, vergleichbar mit dem Bundeskriminalamt, hatte die Ermittlungen an sich gezogen. Telefone wurden abgehört, E-Mails mitgelesen. Was auch in Schweden bisher nur zur Abwehr von Kapitalverbrechen üblich war.

Sie untersuchten den Ofen der Holztrocknungsanlage auf dem Hedin-Betriebsgelände. Sie rückten mit Baggern an, um eine Kiesgrube auf Wolfsreste zu untersuchen. Und sie fanden in der Ehefrau eines Mitangeklagten eine Kronzeugin, die mittlerweile ihre Aussagen widerrufen hat und unter psychiatrischer Betreuung steht.

Noch spannender sind die Hintergründe: Lange bevor er selbst ins Visier der Spezial-Ermittler geriet, hat Karl Hedin ein Buch geschrieben, das Furore machte. „Die gejagten Jäger“ beschreibt den Lillhärdal-Fall, der im Jahr 2015 in ganz Schweden Aufsehen erregte. Fünf Jäger der kleinen mittelschwedischen Gemeinde waren angeklagt, sich zur illegalen Wolfsjagd verabredet zu haben.

Auch in Lillhärdal gab´s Abhör-Aktionen und ungewöhnlich hohen Ermittlungsaufwand – aber keinen toten Wolf. Der Staatsanwalt kam mächtig unter Druck, der Prozess endete mit Freispruch aller Angeklagten. Und Karl Hedin nahm sich der Sache nicht nur als Buchautor an, sondern tourte zu gut besuchten Vortragsabenden durch die schwedische Provinz.

Drei Jahre später wurde der prominente Jäger selber zum Gejagten. Wie im Lillhärdal-Fall konzentrierte sich die Anklage am Ende der höchst aufwändigen Ermittlungen auf den Vorwurf, Hedin und seine Jagdfreunde hätten illegale Wolfsjagden vorbereitet. Außerdem wurden im Revier des Unternehmers ein Wolf und ein Fuchs gefunden, die offenbar vergiftet waren. Und in seinem Bücherregal ein Buch aus Finnland, das Wolfsmanagement mit Giftködern beschreibt.

Der Vorwurf der Wolfsjagd-Vorbereitung stützt sich hauptsächlich darauf, dass die Jäger Kreuzungen im Revier mit frischem Sand bestreuten. Nach Überzeugung des Anklägers mit dem Zweck, frische Wolfsfährten sichtbar zu machen. Was Hedin nicht abstreitet, aber damit erklärt, dass er zur Vorbereitung einer Elchjagd sicher sein wollte, keine Wölfe im Jagdgebiet zu haben. Sonst hätte er nach amtlicher Empfehlung keine Hunde im Treiben eingesetzt.

An bei den umfangreichen Hausdurchsuchungen beschlagnahmten Jagdkleidern und Utensilien fand sich Blut von vier verschieden Luchsen. Hedin hat nachgewiesen, dass er bei der regulären Luchs-Lizenzjagd die Abschussgenehmigung für vier Luchse hatte. Außerdem, merkt sein Verteidiger an, seien Luchs-Abschüsse nicht angeklagt. Der Staatsanwalt versuche wohl, vom Thema abzulenken – und von den wachsenden Zweifeln an der Hauptzeugin, gegen die mittlerweile Vorermittlungen wegen des Verdachts laufen, dass sie Auftragsmörder suchte, um ihren Mann zu beseitigen.

Nicht nur solcher Rosenkrieg macht die Angelegenheit spannend für den Boulevard. Auch für die Polizeibeamtin, die das Gericht zu den Ermittlungsmethoden gehört hat, wird der Auftritt im Zeugenstand kein Vergnügen: Die Verteidiger bohren nach – auch bei der Frage, ob der Staatsanwalt aus dem Lillhärdal-Fall Einfluss nahm auf das Verfahren gegen Karl Hedin. Also gegen den Mann, der mit lauter Kritik gegen den Ankläger durch die Lande zieht.

Kommende Woche wird der Prozess fortgesetzt. Hedin, der auch eine Juristen-Diskussion um die Angemessenheit von Telefon- und Mail-Überwachung im Königreich losgetreten hat, gibt sich zuversichtlich. Die Anklage bleibe weiter Beweise schuldig. Und seine Kritik an der Wolfspolitik lasse er sich nicht verbieten. Das sei er nicht nur den Jägern schuldig, sondern auch den Menschen im ländlichen Raum.

Am Rande: Sollte der Hedin-Prozess mit Freispruch enden, wäre dies die dritte spektakuläre Niederlage für die Umwelt-Spezialisten der Staatsanwaltschaft. Vor drei Jahren gab es Freispruch für einen betagten Jäger, der seinen Borderterrier mit der Waffe gegen einem Wolfsangriff verteidigte. Auch in diesem Fall wurden Telefone abgehört. Und die Anklage führte auch hier an, dass der alte Mann nachweislich keine Wölfe mag. Das Gericht folgte den Polizeibeamten, die das Geschehen untersuchten und dem Angeklagten attestierten, dass er seinen Hund nicht anders retten konnte.

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