Rotkäppchen und der Wolf

Jeder kennt das alte Märchen vom Rotkäppchen und dem Wolf: eine blutrünstige Bestie und ein freundlicher Mann, der Jäger. Heute wird das anders publiziert, ein willkommener Wolf und ein mordender Jäger.

„Rotkäppchen und der böse Wolf.“

„Rotkäppchen und der böse Wolf.“ (Foto: cocoparisienne)

Aber was ist wohl Fakt?

Unsere Vorfahren haben den Wolf verdrängt und fast ausgerottet. Wohl zu Recht. In der in vergangen Jahrhunderten üblichen kleinflächigen Landwirtschaft mit nur wenig Vieh, konnte man sich nicht dem Risiko aussetzen dieses an den Wolf zu verlieren. Das war eine Überlebensfrage! Was konnte man den Kindern geben, wenn Ziege und Kuh vom Wolf gerissen waren und es keine Milch gab? Aus dieser Überlebensnotwendigkeit erwuchs auch der Hass auf den Wolf. Es stand die Frage: „Der Wolf oder wir?!“. Der Kampf gegen den Wolf wurde mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln geführt. Fallenjagd, Wolfsangel, Schusswaffen (soweit verfügbar), aber auch Gift wurde eingesetzt.

Der Wolf wurde erfolgreich verdrängt – aber nicht vernichtet. Dazu ist er zu intelligent und zu anpassungsfähig. So wurde 1904 der letzte Wolf in Sachsen erlegt, aber es kamen immer wieder zuwandernde Wölfe aus dem Osten über die Grenze.

Diese kamen meist nicht weit: In der DDR wurden immer auch Einzeltiere gejagt und kamen nicht zur Reproduktion. Nach der Wende wurde der Wolf unter Schutz gestellt und kehrte dauerhaft zurück. So etablierte sich etwa um das Jahr 2000 das erste Rudel in der Lausitz und die Verbreitung des Wolfes begann ein Erfolgsmodell zu werden. Zumindest für den Wolf. Man musste nichts für die Beschleunigung der Ausbreitung tun, der Wolf war auch ohne Zutun mehr als erfolgreich.

Die meisten Rudel leben in Brandenburg, Sachsen und Niedersachsen. In Sachsen geht man offiziell von 18 Rudeln und einigen territorialen Paaren aus. Allerdings ist das anzuzweifeln, denn die Dunkelziffer liegt sicher deutlich höher. Wildtiere kann man einfach nicht zählen. Insbesondere solch schlauen und vorsichtigen Räubern kann man nicht einfach auf die Pfoten schauen!

Wölfe reproduzieren sich hierzulande mit einem jährlichen Zuwachs von nachgewiesenen 35 %. Ein Rudel besteht im Allgemeinen aus einem Elternpaar, dem vorjährigen und dem aktuellen Nachwuchs. Vorjährige Geschwister helfen bei der Aufzucht des aktuellen Nachwuchses, bevor sie adult werden und sich neuen Lebensraum suchen. Das ist im dichtbesiedelten Sachsen nicht ohne weiteres möglich und männliche Tiere können schon einmal Probleme bekommen, wenn sie in fremde Rudelterritorien einwandern. Dabei kommt es auch zu Verlusten, die keine Statistik erfasst und teilweise der Jagdwilderei zugeschrieben werden.

Die heranwachsenden Wölfe, oder solche mit wenig Jagderfolg, sind meist sehr neugierig und kommen hungrig dann schon einmal in menschliche Nähe. Finden sie dann noch ungesicherte Nutztiere, wie Schafe und Ziegen oder Ponys, dann lernen sie „einfache Beute“ kennen.

Wölfe sind wahre Muskelpakete – anpassungsfähig und überaus intelligent. Sie jagen im Team und sind dabei sehr erfolgreich. Ein erwachsener Rüde kann bis 70 kg und mehr auf die Waage bringen, die Fähen deutlich weniger. Nun wird wohl auch klar, welche Mengen an Futter vertilgt werden. Meist ist das Rehwild, aber auch Rot- und Schwarzwild.

Wölfe überlegen sehr genau welches Wild sie jagen. Starkes Schwarzwild aber auch wehrhafte Hirsche werden gemieden. In Sachsen sind die Muffelwildbestände zusammengebrochen und erloschen. Diese Wildschafe haben keine Vermeidungsstrategien gegenüber dem Wolf.

Da liegt es natürlich nahe, es doch einmal mit Schaf und Ziege in menschlicher Nähe zu versuchen. In vielen Fällen ist das auch ganz einfach, weil die Tiere nicht entsprechend gesichert sind.

Man liest immer wieder das flexible Elektrozäune, aber auch Herdenschutzhunde das „Mittel der Wahl“ sind und zu 100 % gefördert werden können. Das ist richtig, aber nicht immer anwendbar. So muss der Zaun natürlich dicht sein und einen Untergrabungsschutz haben. Zudem muss er ständig versetzt werden, wenn die Herde weiterzieht. Das ist ein hoher händischer Aufwand und dementsprechend teuer. Dazu kommen eventuell noch Futterkosten für die Hunde.

Ebenso ist nicht jedes Gelände zur Umzäunung geeignet. Bachläufe, Felsen, im Winter Schnee sind massive Problemstellen. Wir brauchen aber die Wanderweiden für die Offenhaltung unserer Naturschutzflächen, also Feuchtwiesen, Deiche und ähnliches. Das ist mit Maschinen nicht machbar. Die Weidehaltung ist für den Naturschutz unerlässlich!

Dabei müssen wir immer das Kosten-/Nutzenverhältnis im Auge behalten. Weidetierhaltung bei Schafen und Ziegen ist schon ohne Wolfsschutz nicht besonders lohnend und rechnet sich nur mit Fördermitteln. Schäden an Nutztieren (ausgenommen Pferde, Rinder, Alpakas, u. a.) werden ersetzt.

Aber wer ersetzt das Leiden der Tiere? Was ist mit dem gerissenen Schaf, das ein oder zwei Lämmer in sich trägt? Was passiert, wenn eine Mutterkuhherde oder Pferde aus einer Koppel in Folge eine „Besuches“ von Wölfen ausbrechen und es kommt zum Schaden? Diese Beispiele sind nicht aus der Luft gegriffen, sondern in Sachsen schon vorgekommen.

Wir laufen Gefahr, dass seltene Haustierrassen aussterben, weil der Haltungsaufwand zu groß wird.

In einer Fachzeitschrift war kürzlich zu lesen, dass 2022/2023 die prognostizierte Zahl von 167 (rechn.) Rudeln erreicht wird und der günstige Erhaltungszustand dann erreicht ist. Leider gibt uns die Politik momentan darauf keine zielführenden Antworten.

Wir Jäger sehen unsere Aufgabe im gesamtheitlichen Naturschutz. Vom Rebhuhn, über den Feldhasen bis zum Rotwild und auch zum Wolf haben wir Aufgaben übernommen und gehen diese aktiv an. Dazu gehört der Schutz bedrohter Arten, aber auch die Hege all dessen, was an Biodiversität schwindet. Vom Insekt bis zum Prädator Wolf und nicht zu vergessen dem Luchs.

In unserer modernen ländlichen und forstlichen Vielfalt muss für alles tierische Leben Platz sein. Oder man muss ihn schaffen.

Sicherlich ist die Ausbreitung des Wolfes mit einer rasanten, kaum zu stoppenden Geschwindigkeit vorangegangen. Es kann aber so nicht weitergehen. Wir können die Weidetierhaltung nicht einem Prädator opfern. Weidetierhaltung ist Kulturgut!

Das in vergangenen Jahrhunderten gewachsene Wissen von Schäfern und Bauern und anderen Landnutzern darf nicht einfach verschwinden. Wir können es nicht „googeln“, es ist dann verloren. Wir können auch nicht auf den Genpool alter Haustierrassen verzichten.

Leider zeigt die momentane Politik keine Rezepte zur Konfliktlösung auf, die tatsächlich machbar sind.

Wir vertreten die Ansicht: Der „günstigste Erhaltungszustand“ des Wolfbestandes in Sachsen ist seit Langem erreicht und mittlerweile, gemessen an den Wolfsrissen, sogar unvertretbar hoch.

Wir brauchen für den Wolf definierte Einstandsgebiete, etwa Truppenübungsplätze u. ä..

Der weiteren, unkontrollierten Ausbreitung ist Einhalt zu gebieten und dazu benötigt es politischer, praktizierbarer und durchsetzbarer Instrumente.

Thomas Markert
Wildtierbeauftragter
Dipl. Ing. (FH), Fa.-Ing.
Vizepräsident LJVSN

Quelle: Artikel des Landesjagdverbands Sachsen e.V. vom 02. November 2019

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