Koexistenz mit Großraubtieren

Nächste Schritte zur Erhaltung und Bewirtschaftung

Plakat der Veranstaltung "Koexistenz mit Großraubtieren: nächste Schritte zur Erhaltung und Bewirtschaftung" (Quelle: FACE)

Plakat der Veranstaltung "Koexistenz mit Großraubtieren: nächste Schritte zur Erhaltung und Bewirtschaftung" (Quelle: FACE)

Am 18. November 2020 veranstaltete die Intergruppe "Biodiversität, Jagd, Ländlicher Raum" des Europäischen Parlaments eine hochrangige Konferenz zum Thema "Koexistenz mit Großraubtieren": nächste Schritte zur Erhaltung und Bewirtschaftung" in Zusammenarbeit mit dem Europäischen Verband für die Jagd und Wildtiererhaltung (FACE).

Gastgeber der Konferenz waren der Vorsitzende der Intergruppe, der Europaabgeordnete Álvaro Amaro (Portugal, EVP) sowie die stellvertretenden Vorsitzenden der Intergruppe, der Europaabgeordnete Juan Ignacio Zoido (Spanien, EVP) und die Europaabgeordnete Elsi Katainen (Finnland, Renew Europe).

In seiner Eröffnungsrede unterstrich der Europaabgeordnete Álvaro Amaro die Notwendigkeit einer Einbeziehung der relevanten Interessengruppen wie Jäger, Landbesitzer und Landwirte in allen Ebenen der Entscheidungsprozesse. Im Mittelpunkt der anschließenden fruchtbaren Diskussion standen Großraubtiere und die damit verbundenen Herausforderungen für eine bessere Koexistenz in der EU.

Zum Auftakt der Diskussion berichteten die Europaabgeordneten Juan Ignacio Zoido und Elsi Katainen sowie der Europaabgeordnete Herbert Dorfmann (Italien, EVP) über konkrete Beispiele aus ihren Heimatregionen über Konflikte in Zusammenhang mit Wölfen und sozioökonomischen Tätigkeiten.

Die Rückkehr von Großraubtieren in Europa ist ein Naturschutzerfolg, wirft aber auch vielfältige Herausforderungen für die Koexistenz auf. Die Europaabgeordneten waren sich einig, dass die - bereits im Rahmen der Habitat-Richtlinie – vorgesehene Flexibilität von den Mitgliedsstaaten effektiver genutzt werden sollte, um sicherzustellen, dass soziale, kulturelle und wirtschaftliche Konflikte besser bewältigt werden können.

Die Redner äußerten ihre Erwartungen an die Veröffentlichung der überarbeiteten Leitlinien der Europäischen Kommission zum ‚strengen Artenschutz‘, die mehr Klarheit darüber schaffen sollen, wie Erhaltungs- und Bewirtschaftungsprioritäten im Sinne der Erzielung einer langfristigen Koexistenz mit Großraubtieren in den dichtbesiedelten und multifunktionellen Landschaften Europas erreicht werden können.

Nicola Notaro, Leiter des Referats Naturschutz der Generaldirektion Umwelt der Europäischen Kommission, erläuterte den Standpunkt der Europäischen Kommission zu diesem Thema:

„Die Kommission unterstützt voll und ganz die Koexistenz zwischen menschlichen Tätigkeiten und Großraubtieren. Erfahrungen aus Europa zeigen, dass dies vor Ort erreicht werden kann, wenn der Dialog umfassend und man offen dafür ist, von den Erfahrungen anderer zu lernen und aktuelle Praktiken anzupassen. Eine technische und finanzielle Unterstützung ist für diejenigen unerlässlich, die von der Rückkehr der Großraubtiere in Gebiete betroffen sind, in denen sie seit langem verschwunden waren. Die Kommission wird diese Unterstützung weiterhin im Rahmen von EU- Fonds (Ländliche Entwicklung, LIFE) sowie über EU-Plattformen und regionale Plattformen zu Großraubtieren bereitstellen, die den Austausch von Informationen und bewährte Praktiken ermöglichen“.

Dr. John Linnell vom Norwegischen Institut für Naturforschung stellte fest:

„Die Koexistenz zwischen Großraubtieren und Menschen ist die eine Herausforderung! Die andere besteht darin, die Koexistenz zwischen verschiedenen Gruppen von Menschen mit verschiedenen Vorstellungen, Interessen und Werten darüber zu erreichen, wie wir mit Großraubtieren umgehen sollten […]. Die Lösungen für diese Herausforderungen der Koexistenz sind sowohl technischer als auch politischer Natur. Die Politik kann jedoch auch ein großer Teil des Problems sein, wenn sie Konflikte mit Großraubtieren für politische Zwecke instrumentalisiert und Fachwissen untergräbt, indem sie ein Paralleluniversum von Falschnachrichten und Verschwörungen schafft. In solchen Situationen verlieren alle, auch die Großraubtiere und Menschen, weil wir die wirklichen Herausforderungen ignorieren!“

Moritz Klose, Referent für Wildtiere Deutschland und Europa des WWF, erklärte:

„Die Rückkehr der Großraubtiere ist ein Riesenerfolg für den Naturschutz in Europa, aber damit ist es nicht getan. Die Realität sieht so aus, dass ihre Verbreitung im Vergleich zu dem ursprünglichen Zustand begrenzt und ihr Schutz nach wie vor notwendig ist. Wenn es zu Konflikten kommt, verfügen die Mitgliedstaaten im Rahmen der Habitat-Richtlinie über genügend Flexibilität für die fallweise Anwendung von Ausnahmeregelungen. Es gibt keinen wissenschaftlichen Beweis dafür, dass die Keulung, einschließlich einer geregelten Jagd, eine wirksame Lösung zur Verringerung der Schäden am Viehbestand ist. Der Schwerpunkt muss vielmehr darauf liegen, die Viehzüchter bei der Umsetzung vorbeugender Maßnahmen wie der Aufstellung von Elektrozäunen und dem Einsatz von Hütehunden zu unterstützen und im Schadensfall finanzielle Entschädigung zu leisten".

Prof. Henryk Okarma vom Institut für Naturschutz der polnischen Akademie der Wissenschaften berichtete über den Erhaltungszustand des Wolfes in Polen, der in dem größten Teil des Landes als ungünstig (U1) bewertet wurde und erklärte:

„Obwohl das Verbreitungsgebietes des Wolfes seit 2006, dem Jahr des ersten Berichts aus Polen gemäß Artikel 17 der Habitat-Richtlinie, um mindestens das Siebenfache und die Zahl der Wölfe um das Vier- bis Fünffache zugenommen hat, wurde der Erhaltungszustand des Wolfes in dem jüngsten Bericht aus 2018 immer noch als ungünstig bewertet. Bedeutet dies, dass wir mit der Ausweisung eines günstigen Erhaltungsstatus einer Art warten müssen, bis diese Art überall ist? Wenn der Wolf überall ist, kann dies für Konflikte sorgen, und dazu führen, dass die gesellschaftliche Akzeptanz dieser Art sinkt und vermehrt illegal gegen Wölfe vorgegangen wird. Ist solch ein ‚günstiger Erhaltungszustand‘ dann unser wahres Erhaltungsziel?“.

Die Intergruppenkonferenz mit einer außergewöhnlich hohen Teilnehmerzahl von mehr als 360 Online-Teilnehmern wurde von Dr. David Scallan, Generalsekretär von FACE, moderiert, der auch die umfassende Fragerunde leitete.

Die Videoaufzeichnung der Sitzung sowie die Präsentation der Redner stehen auf der Internetseite der Intergruppe unter

www.biodiversityhuntingcountryside.eu zur Verfügung.

 

Quelle: Pressemitteilung der FACE - European Federation for Hunting and Conservation, vom 25. November 2020, Brüssel

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