Die Rothirschdichte ist entscheidend

Bei der Wiederansiedlung achten Wölfe auf das Beuteangebot

Ein Wolf, aufgenommen von einer der über 100 Fotofallen, die für das Forschungsprojekt im Kanton Wallis installiert wurden. (Bild: © Institut für Ökologie und Evolution, Universität Bern)

Ein Wolf, aufgenommen von einer der über 100 Fotofallen, die für das Forschungsprojekt im Kanton Wallis installiert wurden. (Bild: © Institut für Ökologie und Evolution, Universität Bern)

Wölfe halten sich bei der Wiederansiedlung hauptsächlich in Gebieten auf, wo sie viel Beute wie Rot- und Rehwild vorfinden. Dies zeigt eine neue Studie von Forschenden der Universität Bern, die vier Winter lang die Aufenthaltsorte von Wölfen im Wallis verfolgten. Diese Erkenntnis ist wertvoll, um Konflikten zwischen den Raubtieren und der Bevölkerung vorzubeugen.

Überall in Europa kehren die Wölfe in ihre früheren Gebiete zurück – ein Erfolg strenger Schutzbestimmungen und höherer Wilddichten als vor Jahrzehnten. Allerdings verursacht diese Rückkehr Konflikte: Landwirte fürchten um die Sicherheit ihrer Weidetiere, Jägerinnen und Jäger fürchten Konkurrenz, und auch andere Bevölkerungsgruppen sehen die Rückkehr der großen Beutegreifer nicht ohne Bedenken. Um vorherzusagen, wo sich Wölfe aufhalten werden, und daher Konflikte besonders wahrscheinlich sind, ist wichtig zu wissen, welche Faktoren für Wölfe bei der Auswahl ihres Lebensraums während der Wiederansiedlung entscheidend sind.

Dr. Veronika Braunisch, Division Conservation Biology, Institut für Ökologie und Evolution, Universität Bern. (Bild: zvg)

Dr. Veronika Braunisch, Division Conservation Biology, Institut für Ökologie und Evolution, Universität Bern. (Bild: zvg)

Um diese Faktoren zu bestimmen, untersuchte eine Forschungsgruppe unter der Leitung der Abteilung Naturschutzbiologie des Instituts für Ökologie und Evolution der Universität Bern vier Winter lang, von 2012-13 bis 2015-16, die Lebensraumnutzung der Wölfe im Kanton Wallis. Zwar leben hier schon seit 1995 einzelne Tiere, der erste Wurf wurde jedoch erst 2016 nachgewiesen – der Untersuchungszeitraum umfasste damit genau die Phase der ersten Rudelbildung.  

Mehr als 100 Fotofallen

„Um Informationen über die Raumnutzung der Wölfe zu erhalten, stellten wir über 100 Fotofallen systematisch an Wildwechseln auf“, erklärt Studien-Letztautorin Veronika Braunisch. Zusätzlich wurden flächendeckend Lebensraumfaktoren wie Wetterbedingungen, Landnutzung und Topografie erhoben. Eine besondere Herausforderung stellte die Erfassung des Beuteangebots dar. Hierzu richteten die Forschenden 218 1-Kilometer lange sogenannte Transektstrecken ein, entlang derer im Winter die Spuren von Rehen, Hirschen, Gämsen und anderen Beutetierarten im Schnee gezählt wurden. Obwohl das Beuteangebot intuitiv als wichtiger Faktor erscheint, wurde es in der bisherigen Forschung häufig vernachlässigt, auch weil es schwierig zu erheben ist.

Prof. Dr. Raphaël Arlettaz, Division Conservation Biology, Institut für Ökologie und Evolution, Universität Bern. (Bild: zvg)

Prof. Dr. Raphaël Arlettaz, Division Conservation Biology, Institut für Ökologie und Evolution, Universität Bern. (Bild: zvg)

Die Rothirschdichte ist entscheidend

Das Ergebnis war eindeutig: Das wichtigste Kriterium der Wölfe bei der Wahl ihres Lebensraums ist, ob genügend Beute vorhanden ist. Zwar haben auch Landschaft und Landnutzung einen Einfluss, der weitaus größte Anteil (53%) wird jedoch durch das Beuteangebot erklärt. Dabei war die Dichte des Rotwilds besonders entscheidend in der Phase der Rudelbildung (31%), gefolgt von der Rehwilddichte (22%).

„Dieses Muster ist nicht verwunderlich“, sagt Professor Raphaël Arlettaz, Leiter des Forschungsprojekts und Direktor des Departements für Biologie der Universität Bern: „Während Rehe für einzelne Wölfe die einfachere Beute darstellen, sind Hirsche profitabler, wenn gemeinsam gejagt werden kann und Nahrung für Jungtiere benötigt wird.“ Weitere wichtige Faktoren waren die Niederschlagsmenge (19%) und die Jagdbanngebiete (16%).

Aus den Daten können die Forschenden nun Karten erstellen, die zeigen, wo sich Wölfe mit besonders hoher Wahrscheinlichkeit aufhalten, oder künftig aufhalten werden. „In diesen Gebieten ist es besonders sinnvoll, geeignete Schutzmaßnahmen zu anzuwenden“, so Raphaël Arlettaz.

 

Angaben zur Publikation:

Roder, S., Biollaz, F., Mettaz, S., Zimmermann, F., Manz, R., Vignali, S., Fumagalli, L., Arlettaz, R., Braunisch, V. (2020): Deer density drives habitat use of establishing wolves in the Western Alps. Journal of Applied Ecology, https://doi.org/10.1111/1365-2664.13609.

 

Quelle: Pressemitteilung der Universität Bern vom 28. April 2020

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