Auch Bäume bekommen Sonnenbrand

Landesforsten RLP: Einschlagstopp für alte Buchen im Staatswald

Alte Buche (© Nationalpark Hunsrück-Hochwald/Konrad Funk)

Alte Buche (© Nationalpark Hunsrück-Hochwald/Konrad Funk)

Alte, geschlossene Buchenwälder werden im rheinland-pfälzischen Staatswald besonders vor den Folgen des Klimawandels geschützt, indem dort auf großer Fläche vorerst keine planmäßige Holzernte mehr stattfindet. Dadurch soll dazu beigetragen werden, das Kronendach dieser Wälder möglichst geschlossen zu halten, um die Sonneneinstrahlung und Hitzeeinwirkung auf die Bäume und das Waldökosystem zu verringern.

„Der Erhalt des Waldes hat oberste Priorität. Deshalb verzichtet Landesforsten Rheinland-Pfalz vorerst auf das Ernten alter Buchen. Landesweit sieht man derzeit Buchen mit aufgeplatzter Borke durch Sonnenbrand, verfärbten Blättern oder sogar komplett kahle Bäume. Nicht alle dieser Bäume sind bereits abgestorben – doch eben davor wollen wir sie mit einem vorläufigen Fällstopp bewahren, damit der Wald weiterhin mit all seinen Leistungen für Mensch, Klima und Umwelt erhalten bleibt“, sagt Umwelt- und Forstministerin Ulrike Höfken.

Der besondere Schutz gilt für Buchen im Staatswald, die über 100 Jahre alt sind, keine Gefahr für Menschen darstellen oder Baumnachwuchs oder lichtbedürftige Mischbaumarten bedrängen und in einem geschlossenen Bestand vorkommen – also, wenn sich die Kronen der Bäume berühren und so ein vor Sonneneinstrahlung schützendes Kronendach ausbilden. Würde man hier einen großen Baum entfernen, würde eine Lücke entstehen, durch die starke Sonneneinstrahlung in den Wald kommt. Steht ein Baum einzeln oder in Kleingruppen, gilt dieser Stopp nicht, da die Bäume dann ohnehin nicht durch ein geschlossenes Kronendach geschützt sind.

Die Schutzmaßnahme wird von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Forschungsanstalt für Waldökologie und Forstwirtschaft (FAWF) begleitet. Diese haben im Rahmen der Waldzustandserhebungen beobachtet, dass es gerade auch alte Buchen sind, die unter der Hitze und Trockenheit leiden. Da sie weitgehend ausgewachsen sind, können sie sich an die starke Veränderung ihrer Lebensbedingungen nicht mehr anpassen. Zudem fehlt ihnen die nötige Saugkraft, Wasser bei ausgeprägter Trockenheit in große Höhen zu transportieren.

Geschlossenes Kronendach soll vor Hitzestress schützen

Die Buche ist die häufigste Baumart in Rheinland-Pfalz, ihr Anteil beträgt rund 22 Prozent (bundesweit: 15 Prozent). Dies ist jedoch nicht der einzige Grund, warum der Einschlagstopp im Laubholz nur für diese Baumart gilt. Denn anders als etwa Eichen, haben Buchen nur eine dünne Borke. Sie können daher schneller Sonnenbrand bekommen. In dessen Folge können etwa Fäulnispilze in das Holz eindringen und den Baum zum Absterben bringen.

„Es muss unser aller Interesse sein, dass der Wald auch künftigen Generationen mit all seinen Funktionen als Klimaschützer, Lebensraum für zahlreiche Tiere, Pilze und Pflanzen und als Arbeitsplatz und Lieferant des klimafreundlichen Rohstoffes Holz zur Verfügung steht“, so Höfken. Einen allgemeinen Holzeinschlagstopp für alle Baumarten hält die Ministerin daher nicht für zielführend.
Allerdings werden im Staatswald derzeit auch keine gesunden Fichten mehr geerntet. Diese werden nur noch gefällt, wenn sie vom Borkenkäfer angegriffen sind und von ihnen ein Ansteckungsrisiko für andere Bäume ausgeht. Die Ernte nicht befallener Fichten hingegen wäre im Moment weder wirtschaftlich, noch mit Blick auf die damit verbundenen Belastungen des Holzmarktes und der Arbeitskapazität der Forstleute sinnvoll.

„Genau wie alle anderen Ressourcen müssen wir auch mit Holz sparsam umgehen und Holzprodukte so lange wie möglich nutzen, anschließend recyceln und erst am Ende des Lebenszyklus sowie nur minderwertiges Holz und Holzabfälle verbrennen. Holz ist ein wichtiger Grundstoff für eine kohlenstofffreie Bioökonomie. Sein Einsatz ist aktiver Klimaschutz und ökologisch sinnvoll. Es wäre nicht klug, stattdessen weiter auf Beton und Plastik setzen. Diese verbrauchen viel Energie, verursachen problematischen Müll und wachsen anders als Holz nicht einfach nach. Wer auf Holz setzt, spart CO2. So sind beispielsweise in einem Einfamilienhaus aus Holz 40 bis 80 Tonnen des klimaschädlichen Treibhausgases gebunden“, sagt Höfken.

„Die Entscheidung für das Moratorium ist Ausdruck der besonderen Verantwortung, die wir im „Buchenland“ RLP gerade für diese Baumart, die „Mutter des Waldes“, tragen. Immerhin handelt es sich hierbei um Wälder, die uns weit überwiegend durch Naturverjüngung von der Natur geschenkt und nicht von Menschenhand gepflanzt worden sind. Daher sind die Forstleute – genau wie andere, namhafte Ökologinnen und Ökologen – bisher davon ausgegangen, dass diese Baumart das Potenzial dazu hat, die Krise zu überstehen. Diese Gewissheit steht angesichts des extrem rasch fortschreitenden Klimawandels nunmehr in Frage. Die seit je von den Forstleuten geübte Praxis einer aufmerksamen und fachkundigen Beobachtung der Waldökosysteme und einer Integration der dabei gewonnenen Erkenntnisse in die Waldbehandlung ist zum Erhalt des Waldes daher heute mehr denn je gefragt“, so die Forstministerin weiter.

 

Hintergrund: Auch Bäume bekommen Sonnenbrand

Da Buchen eine dünne Borke haben, sind sie besonders sonnenempfindlich. Bei anhaltender direkter Besonnung kann es zum Absterben der Rinde und des Kambiums kommen, dem fachsprachlichen „Sonnenbrand“.
Bei Sonnenbrand platzt ihre Borke auf und es können Fäulnispilze eindringen. Je mehr der Baum fault, desto instabiler wird er. Daraus ergeben sich mehr Verkehrssicherungsprobleme – ganze Bäume oder Teile von ihnen drohen auf Straßen und Wege zu stürzen. Deshalb müssen diese Bäume gefällt werden, ehe sie für Menschen zur Gefahr werden. Bei einzelnen Bäumen, etwa in Gärten, kann man reagieren, indem man die Borke mit weißer Farbe anstreicht und so für Sonnenschutz sorgt. Im Wald wäre das zu aufwändig – in den Wäldern von Rheinland-Pfalz ist knapp jeder vierte Baum eine Buche.
 

Hintergrund: Unser Wald in Zahlen


Menge an Schadholz:
Die klimawandelbedingte Waldkrise verursachte seit 2018 8,6 Millionen Festmeter Schadholz – allein dieses Jahr waren es bisher schon 3,5 Millionen notgeerntete Bäume, davon 1,2 Millionen im Privatwald, 0,53 Millionen im Staatswald und 1,78 Millionen im Kommunalwald. Seit dem Dürresommer 2018 entstanden dadurch landesweit 21.500 Hektar, die wiederbewaldet werden müssen. Das kostet allein rund 107,5 Millionen Euro, davon sind bis Mitte dieses Jahres 25 Millionen Euro angefallen.
 

Naturnahe Waldwirtschaft:
·    Schon 1999 wurde die naturnahe Waldbewirtschaftung im Landeswaldgesetz festgeschrieben. Das bedeutet: keine Monokulturen, keine Kahlschläge, Walderneuerung vornehmlich durch natürliche Ansamung, Einbeziehung der Naturabläufe durch vernetzte holznutzungsfreie Bereiche im Wald. Trotz vieler Schadereignisse (Stürme, Hitze, Dürren, Borkenkäferbefall) wurde unser Wald seitdem vorratsreicher (mehr Zuwachs als Nutzung) und immer vielfältiger nach Mischung, Struktur und Ungleichalt-rigkeit.
·    Seit 2015 ist der komplette Staatswald in Rheinland-Pfalz neben PEFC™
auch FSC®- (Lizenznummer FSC®-C111982) zertifiziert. Unabhängige Prüferinnen und Prüfer kontrollieren, ob die 44 Forstämter die Nachhaltigkeitsstandards einhalten.
·    Insbesondere das FSC®-Zertifikat unterstützt, dass holznutzungsfreie Waldbereiche nachgewiesen werden, ohne chemisch-synthetische Pestizide gearbeitet wird und eine nachhaltige Waldbewirtschaftung nach hohen Naturschutz- und Sozialstandards erfolgt.

Waldanteil:
•    Rheinland-Pfalz ist mit rund 42 Prozent Waldanteil gemeinsam mit Hessen das relativ waldreichste Bundesland (bundesweit: 31 Prozent).
·    Der Laubbaumanteil liegt in Rheinland-Pfalz bei rund 60 Prozent (bundesweit: 44 Prozent), der Nadelbaumanteil bei knapp 40 Prozent (bundesweit: 56 Prozent).
·    Die häufigste Baumart mit rund 22 Prozent ist die Buche (bundesweit: 15 Prozent), gefolgt von der Fichte und Eiche zu je rund 20 Prozent (bundesweit: 25 Prozent und 10 Prozent).
·    Mischwälder mit verschiedenen Baumarten kommen in Rheinland-Pfalz auf 82 Prozent der Fläche vor (bundesweit: 76 Prozent).

Naturverjüngung:
87 Prozent der Jungbäume (unter vier Meter Höhe) haben sich in Rheinland-Pfalz im Staatswald natürlich angesamt (bundesweit: 85 Prozent). Das heißt, sie wurden nicht gepflanzt.
Försterinnen und Förster fördern die „Naturverjüngung“, indem sie gezielt einzelne stark schattende Bäume unterhalb des Kronendachs entnehmen. So dosieren sie den Lichteinfall auf dem Waldboden und der Nachwuchs der Mutterbäume kann sich einstellen und entwickeln.

Schutzzonen:
In Rheinland-Pfalz sind bereits neun Prozent der Staatswaldfläche als Waldrefugien, Naturwaldreservate, holznutzungsfreie Flächen in den Rheinauen, in den Kernzonen des Biosphärenreservates Pfälzerwald-Nordvogesen, im Großnaturschutzgebiet Bienwald und im Nationalpark Hunsrück-Hochwald ausgewiesen. Damit liegt Rheinland-Pfalz mit seinem eigenen Wald, dem Staatswald, in der Spitzengruppe der Bundes-länder, wenn es um die Erfüllung des diesbezüglichen Zehn-Prozent-Ziels der Natio-nalen Biodiversitätsstrategie geht.

Arbeitsplätze:
Rund 51.000 Menschen arbeiten in Rheinland-Pfalz in der Forst- und Holzbranche. Dazu gehören mehr als 7.000 Unternehmen. Die Branche erwirtschaftet einen jährlichen Umsatz von fast 10 Mrd. Euro. Somit ist die Forst- und Holzwirtschaft am Umsatz gemessen nach der chemischen Industrie der zweitgrößte Wirtschaftszweig im produzierenden Gewerbe in Rheinland-Pfalz. Gemessen an den über 50.000 Beschäftigen steht sie im Land sogar an erster Stelle – noch vor der chemischen Industrie.

Holzpreisentwicklung:
Der Durchschnittspreis für Fichten-Stammholz im Staatswald des Landes Rheinland-Pfalz ist im Laufe der letzten Jahre massiv eingebrochen. Von 90 Euro je Festmeter in 2014 bis auf unter 40 Euro in 2020.

 

Quelle: Pressemitteilug des Ministeriums für Umwelt, Energie, Ernährung und Forsten des Landes Rheinland-Pfalz vom 03. September 2020, Mainz

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