Wildschäden im Weinberg: „Da geht es um Existenzen“

Wildschaden im Weinberg

Fotos: Heinz-Peter Kriechel / Ein typischer Wildschaden im Weinberg. Dem Rehwild haben die Trauben gut geschmeckt, es sind keine mehr übrig.

Jeder Deutsche trinkt pro Jahr ungefähr 21 Liter Wein. Wie viel Arbeit hinter jeder Flasche steckt, wissen die wenigsten – schmecken muss er. Was noch viel weniger Menschen wissen, ist, dass Winzer, wie alle Grundbesitzer in Deutschland, gleichzeitig Jagdrechtsinhaber sind und mit erheblichen Schäden durch Wildtiere zu kämpfen haben. So berichtete Hans-Peter Amlinger vom Weingut „Amlinger und Sohn“ zum Beispiel über die Jagd in den Weinbergen der Mosel (hier können Sie den Artikel noch einmal nachlesen).

Wie in ganz Deutschland üben nur wenige Grundbesitzer die Jagd selbst aus, stattdessen verpachten sie ihre Reviere und lassen sich Schäden von den Jägern begleichen. Dass dies immer wieder zu Spannungen führen kann, ist ganz normal. Umso wichtiger ist es, dass Verpächter (die Jagdgenossenschaft) und Pächter einen guten Kontakt pflegen oder Jagdgenossenschaftsvorstände in Streitfällen vermitteln. Dies gestaltet sich vor allem in Weinregionen schwierig, da es für Sonderkulturen keinen Wildschadensersatz gibt. Warum die Jagd in Weinanbaugebieten besonders anspruchsvoll ist und wie Winzer, Jäger und Jagdgenossenschaftsvorstände aufeinander zugehen, hat uns Heinz-Peter Kriechel erzählt. Er jagt seit 48 Jahren, ist Vorsitzender der Jagdgenossenschaft Bad Neuenahr-Ahrweiler I und vertritt diese auch als Vorstandsmitglied in der Interessengemeinschaft der Jagdgenossenschaften und Eigenjagdbesitzer (IGJG) im Bauern- und Winzerverband Rheinland-Nassau e.V.

Herr Kriechel, was macht die Jagd in Weinanbaugebieten wie der Mosel oder bei Ihnen so anspruchsvoll?

Das Bejagen des Wildes in den Weinbergslagen ist besonders schwierig, weil es durch die Steillagen keine Schussmöglichkeiten talabwärts gibt und aufwärts der Kugelfang schwierig einzuhalten ist. Ebenfalls ist der steinige Untergrund in den Weinbergen eine besondere Gefahr, weil die auftreffenden Geschosse an Steinen abprallen und als Querschläger nicht kontrollierbar sind. Weitere Einschränkungen bestehen darin, dass für das Ansprechen des Wildes kaum Platz vorhanden ist. In den Weinbergszeilen und -reihen ist das Wild schnell aus der Schusslinie. Wie bekannt, gehören die Weinbergslagen an der Ahr und die angrenzenden Waldgebiete zu den touristischen Attraktionen. Die dadurch bedingte Beunruhigung des Waldes führt dazu, dass dem Wild Rückzugs- und Ruhebereiche fehlen. Nicht zu unterschätzen ist auch die Beunruhigung durch Hunde, die nicht an der Leine geführt werden. Gehetzte Rehe verenden an Herzversagen und beschädigen Rebstöcke während der Hetze.

Was sind bei Ihnen in der Region die größten Probleme?

Im Rotweinanbaugebiet Ahr sind das im Frühjahr und Herbst die Verbissschäden des Rehwildes am Weinstock und im ganzen Jahr die Wühlschäden des Schwarzwildes.
Da die Weinberge als Sonderkulturen nicht dem Wildschadensersatz unterliegen und die Ahrregion im Landschaftsschutzgebiet liegt, sind Abwehrmaßnahmen durch Zäune nicht erlaubt. Dies führt je nach Schadenshöhe zu existenzbedrohenden Verlusten, wodurch der Ärger zwischen Winzer und Jäger vorprogrammiert ist. Die Herausforderung ist es, beide Seiten für die Probleme des anderen zu sensibilisieren und auf ein einvernehmliches Handeln hinzuwirken. Frühzeitige Informationen des Winzers an den Jäger, wo sich Wildschäden häufen, sind genauso wichtig, wie den Jäger dazu zu bringen, seine jagdlichen Aktivitäten in diesen Bereichen zu intensivieren.

Gründünger als Ablenkung

Wildpflanzen dienen nicht nur als Gründünger, sie schmecken auch dem Wild und lenken von den Trauben ab.

Wie kann eine effektive Bejagung im Weinberg aussehen?

In den Weinbergen selber kann jagdlich wenig verbessert werden. In den angrenzenden Waldgebieten kann jedoch die jagdliche Aktivität erhöht werden, zum Beispiel durch Gemeinschaftsjagden und vermehrte Ansitzjagden.

Wie kann Wild ansonsten ferngehalten werden?

Wild kann durch klassische Maßnahmen der Vergrämung, wie zum Beispiel Geruchsstoffe oder Blickleuchten, sowie durch Elektrozäune ferngehalten werden. Letzteres ist jedoch an Touristenwegen sehr problematisch.

Sie sitzen ja zwischen den Stühlen. Sie jagen selbst, müssen aber auch für die Verpächter sprechen. Ist es gut oder schlecht, dass Sie beide Seiten vertreten?

Da mir die Probleme beider Seiten bekannt sind, kann ich eher auf einen Ausgleich hinwirken. Die einseitigen Forderungen der einen oder anderen Seite sind in der Sache nicht zielführend. Die größte Herausforderung ist es allerdings, die weiteren Interessengruppen (Tourismus, Veranstalter etc.) zu einem abgestimmten Verhalten zu bewegen, damit der Jagdbetrieb nicht mehr als nötig beeinträchtigt wird und dadurch die Erfüllung der Abschussvereinbarung nicht unnötig erschwert wird.

„Dort, wo sich die Schäden in einem überschaubaren Rahmen bewegen und die Kontakte zwischen dem Jagdpächter und Grundstückseigentümer gut sind, funktioniert auch die Konfliktlösung sehr gut.“

Heinz-Peter Kriechel

Mit welchen Problemen müssen Sie sich am häufigsten beschäftigen?

Die Grundstückeigentümer (Jagdgenossen/Jagdrechtsinhaber/Bewirtschafter), die Wildschäden melden, aber keinen Ersatzanspruch haben, müssen vor allem beruhigt und zu einem angepassten Verhalten bewegt werden. Aufseiten des Jagdpächters (Jagdausübungsberechtigter/Jäger) muss man auch schon mal hart sein und die vorgebrachten Störungen des Jagdbetriebes durch Veranstaltungen im Revier, freilaufende Hunde etc. nicht als Grund für den ausgebliebenen Jagderfolg akzeptieren.

Wie hoch ist das Konfliktpotenzial überhaupt?

Das Konfliktpotenzial ist sehr hoch. Für den Winzer geht es um Geld und jeder Schaden macht die Sache noch schlimmer. Da geht es teilweise um die Existenz des „kleinen“ selbstmarkenden Winzers.

Wo klappt eine Zusammenarbeit gut und wo gibt es Verbesserungsbedarf?

„Dort, wo sich die Schäden in einem überschaubaren Rahmen bewegen und die Kontakte zwischen dem Jagdpächter und Grundstückseigentümer gut sind, funktioniert auch die Konfliktlösung sehr gut.“ Leider gibt es aber auch einige Bereiche, wo dies nicht funktioniert. Eine wichtige Rolle spielt dabei, ob der Jagdpächter aus der Umgebung kommt und oft vor Ort präsent ist oder nur mal am Wochenende in sein Revier fährt.  

Haben Sie eigentlich auch mit Jagdgegnern zu kämpfen oder verstehen die Menschen bei Ihnen die Notwendigkeit der Jagd?

Zum Glück sind wir in der Region von militanten Jagdgegnern bisher verschont geblieben.
Es gibt immer wieder Personen, vor allem Hundebesitzer, die für den Jagdbetrieb kein Verständnis aufbringen. Dieses Problem stellt sich vielfach auch bei den revierübergreifenden Jagden. Wir sperren Waldwege und stellen Hinweisschilder auf, diese werden aber immer wieder zerstört. Leider nehmen einige Naturfreunde und Besucher der Weinberge oder des Waldes trotzdem keine Rücksicht auf die Warnhinweise und stören dadurch nicht nur den Jagdbetrieb, sondern bringen sich selbst in Gefahr. Die überwiegende Zahl der Naturfreunde und Besucher zeigt aber Verständnis und ist dankbar für alternative Routenvorschläge. 

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