Hermann Löns und die Liebe zur Jagd

Hermann Löns als Jäger

Kein deutscher Schriftsteller ist so mit dem Waidwerk verbunden wie Hermann Löns. Am 29. August 2016 jährt sich der Geburtstag des Heidedichters zum 150. Mal. Der Schriftsteller, Journalist und Jäger Heinrich Thies hat aus diesem Anlass eine Romanbiografie veröffentlicht, die sich an bisher unbeachteten Briefen orientiert und daher ein ganz neues Licht auf den Romanautor, Zeitungsmann und Verfasser zahlreicher Jagd- und Naturerzählungen wirft.

Im folgenden veröffentlichen wir Auszüge aus dem Buch „Mein Herz gib wieder her. Lisa und Hermann Löns“ von Heinrich Thies:

Er gilt als unwiderstehlicher Schürzenjäger: Um Hermann Löns und die Frauen ranken sich zahllose Legenden. In jedem Heidedorf hatte er demnach eine Geliebte. Sein Leben, so scheint es, war ein einziger Liebesroman. Die Wirklichkeit war längst nicht so rosarot und romantisch. Seine Beziehungen zu Frauen waren oft äußerst problembehaftet: wechselhaft, krisengeschüttelt und nicht von allzu langer Dauer. 

Seine erste Ehe mit der Konditoreiverkäuferin Elisabet Erbeck zum Beispiel hielt gerade mal acht Jahre. Und schon vor der Scheidung im Jahr 1901 schrieb Löns ein Gedicht mit dem Titel „Ich und Du“, das von ehelichen Spannungen handelt. Darin heißt es:

Es hat manch harten, schweren Kampf gegeben,
Viel Tränenflut und manches böse Wort –
Wir wollten trennen unser Eheleben!
Ich schrie und riss mich von Dir fort …

Schon bald nach der Scheidung heiratete Löns seine Redaktionskollegin Lisa Hausmann, die wie der Heidedichter beim „Hannoverschen Anzeiger“ tätig war. Auch diese Ehe hielt keine zehn Jahre. Heinrich Thies beschreibt in seiner Romanbiografie „Mein Herz gib wieder her. Lisa und Hermann Löns“ das wechselhafte Leben des ungleichen Paares mit all seinen Höhen und Tiefen. Dabei wird deutlich, dass Hermann Löns nach seinen Abstürzen immer wieder ein wenig Halt fand, wenn er durch die Heide pirschte und seiner Jagdleidenschaft frönte. Schon gleich nach der Hochzeitsfeier steuerte er mit seiner Braut das Westenholzer Bruch an – und widmete sich in seinen Flitterwochen der Birkhahnbalz.

Mai 1902: Lisa und Hermann Löns verbrachten ihre Flitterwochen fernab der Stadt im Westenholzer Bruch bei Walsrode  – in einer Jägerhütte, die nur wenig größer war als das schmale Bett, das sie dort erwartete. Nur Muck durfte mit, Löns’ stichelhaariger, gelbbrauner Teckel.

Was sie lockte, war vor allem die Birkhahnbalz. Wie ein bayerisches Volksfest unter freiem Himmel sollte Löns später in „Hahnenfieber“ das Liebesspiel der Birkhähne beschreiben: 

Wie sein Gesang dem Schnadahüpfl, so ähnelt sein Tanz dem Schuhplattler. Der Hahn macht bald einen langen Hals und bläst sein Tschuhuit, oder er trommelt wie unklug und rutscht dabei über die Erde. Manchmal hopst er in die Höhe, manchmal lässt er es bleiben. 

Hermann Löns ließ offen, ob ihn die Birkhahnbalz zu eigenen Liebesspielen angeregt hatte

Löns ließ offen, ob ihn die Birkhahnbalz zu eigenen Liebesspielen angeregt hatte. Von einer Frau war in „Hahnenfieber“ jedenfalls später keine Rede. Der Verfasser sprach nur von seiner Schrotflinte, und alles deutet darauf hin, dass er – trotz Lisas immerhin platonischer Jagdleidenschaft – nur begleitet von Muck hinterm Wacholderstrauch lag und Hahn und Henne ins Visier nahm. Mit wachsender Nervosität:

Das Herz klopft dem Jäger erst im Halse, dann im Flintenkolben, dann im Gewehrschaft, dann im Gewehrlauf, so dass der hin und her pendelt wie ein freudig erregter Hundeschwanz.

Das Jagdfieber bringt den Bräutigam in Wallung wie beim Liebesakt. Das Gefühl, dass der Hahn ihn „geäugt“ hat, bringt den Jäger dann aber fast um den Verstand. Doch die Panik ist nicht von langer Dauer:

Fünf Minuten später sind seine Gefühle anderer Art. Denn der Hahn gibt einen seltsamen Ton, ein giftiges, hasserfülltes Girren von sich, und fortwährend girrend, schiebt er sich, einer schwarzweißroten Schlange ähnelnd, durch das Heidekraut, und gerade wie der Jäger den Finger krumm machen will, da kommt der selbe böse Ton von links, und von da schiebt sich auch ein Hahn näher, und jetzt stehen sich beide gegenüber, zischend, girrend, kullernd,und nun fahren sie aufeinander los, ein schwarzweißroter Ball wirbelt in dem Heidekraut umher, merkwürdige Laute erschallen, Federn, Grasblätter, Heidekrautstengel, Sand und Steine sausen in der Nachbarschaft herum, im Hintergrunde applaudieren sieben Hennen laut und anhaltend, und jetzt hält es der Jäger für angebracht, der hässlichen Szene ein Ende zu machen. Er krümmt den Finger, es knallt, rundherum ist alles blau und es riecht beträchtlich nach Pulver.

Hermann Löns

Immer wieder zog es ihn in die freie Natur. Ob mit dem Rad, dem Zug oder der Elektrischen, ob mit Lisa oder allein mit Drahthaardackel Muck und seinem Drilling. Durch sein „Grünes Buch“ und seine Jagdgeschichten in der Zeitung war er in Jägerkreisen so bekannt geworden, dass er sich vor Einladungen kaum retten konnte. Auf diese Weise hatte er auch den hannoverschen Wildhändler Conrad Ernst kennengelernt, der die Jagd im Westenholzer Bruch gepachtet hatte und dort den Helkenhof kaufte. Der Wildhändler erlaubte Löns nicht nur, in seinem Revier zu jagen, er überließ ihm auch seine Jagdhütte und eine Kellerkammer auf dem Helkenhof.

Dabei fasste Hermann Löns die Jagdgenossen in seinen Geschichten nicht mit Samthandschuhen an. Er machte kein Hehl daraus, dass ihm die Pirsch lieber war als stundenlanges Ansitzen auf irgendeiner Kanzel, er machte sich über den Trophäenkult lustig, wies darauf hin, dass in früheren Zeiten ein Hirschgeweih als Kleiderhaken diente. „Am Totschießen liegt mir innerlich wenig, eine hübsche Beobachtung ist mir wertvoller denn zehn Gehörne“, schrieb er einem Freund. Schon früh spöttelte er darüber, wenn sich Städter zu großen Treibjagden auf Hasen und Enten zusammenrotteten: 

Sie zogen aus, bis an die Zähne bewaffnet. Unten steckten sie in langen Stiefeln, oben in kühnen Hüten. Sie erfüllten das Bahnhofsvestibül mit lauten Stimmen, den Perron mit schallenden Tritten, drei Coupés mit Zigarrendampf und die Schaffner mit Grausen.

In dieser Geschichte von „Mümmelmann“ betrachtete er das zweifelhafte Treiben mit den Augen eines gehetzten Hasen. Aber die Waidmänner lachten nur darüber, konnten gar nicht genug bekommen von seinen Jagdgeschichten. Doch Löns wurde, angestachelt und ermutigt von Lisa, nicht müde, auch weiter den Blick auf die hässlichen Seiten der Jagd zu lenken und die Verantwortung der Jäger gegenüber der Schöpfung und all ihren Kreaturen anzumahnen. In seinem Gedicht „Der Heger“ verkündete er:

Das Schießen allein macht den Jäger nicht aus;
Wer weiter nichts kann, bleibe besser zu Haus.

Regelrechte Empörung sprach aus einer Geschichte, die er nach der Teilnahme an einer Jagd auf Graureiher zu Papier brachte. „Im Wald der großen Vögel“ spielt in der Ahldener Schlenke, einem Auwald an der Aller bei Walsrode. Anfangs schildert er das ungestörte Leben der Wald- und Teichbewohner, aber dann …

Aber dann kommt der Tag, da Angst und Schrecken über die Siedlung hereinbricht: schwere Stiefel zertreten die hohen Nesseln, grüne Röcke lehnen sich gegen die weißgetünchten Stämme der Eichen, braunrote Gesichter tauchen zwischen dem laublosen Geäst von Kornelkirsche, Maßholder, Schlehdorn und Wildrose auf, metallische Blitze prallen von blanken Büchsenläufen.

Zehn Altreiher prasseln aus den Kronen, kreisen mit langen Hälsen über dem Walde, starren mit ängstlichen gelben Augen hinunter. Ihre Schreckensrufe finden von ringsherum Antwort, von Morgen und Abend, Mittag und Mitternacht klingen heisere Angstlaute heran, ein Sausen und Brausen, Klingen und Klatschen ist über dem Forste, schnelle schwarze Schatten fallen über den weißgekalkten Waldboden, alle sechzig Altreiher kreisen als riesengroße Kreuze unter dem hellblauen Sommerhimmel.

Die Jungreiher, immer hungrig, stellen sich auf die Horstränder, recken die Hälse, sperren die nimmersatten Schnäbel auf und schreien nach Fraß. Da knallt ein Schuss, kurz und scharf wie ein Peitschenknall, durch den Wald. Ein Jungreiher spreizt die Flügel, kippt hin und her, verliert den Halt, poltert von Ast zu Ast und schlägt dröhnend auf den Boden auf. Das Angstgerufe über dem Walde wird zum Wehgekreisch, aus dem ruhigen Kreisen wird ein verstörtes Geflatter, aber Schuss auf Schuss knallt, ein Jungreiher nach dem andern poltert herunter, stürzt herab oder bleibt mit zerrissener Brust im Horste liegen.

Ab und zu fällt etwas Blankes, Glitzerndes, Glänzendes von oben herab, ein Fisch, den ein Altreiher von oben herab seinem Jungen vorkröpfte, demselben Jungen, das mit zerschmettertem Fittich im Horste liegt, in Todesangst den Hals hin und her zuckt und verzweifelt mit offenem Rachen seine Alten um Hilfe anschreit, bis sein Kopf herabsinkt und ein letztes Zittern durch das Gefieder geht.

In früheren Zeiten, fährt Löns fort, habe man den Reihern das Horsten erleichtert und ihnen großzügig Hechte und Aale überlassen, um bei der königlichen Beizjagd einige wenige der großen Vögel stilvoll zu erlegen. Heute dagegen … 

Heute erschlägt man ihre Brut jahrein, jahraus und lässt sie faulen im Forste, den Kolkraben zum Fraß und schwarzroten Käfern; jahrein, jahraus wiederholt sich die Metzelei.

Manch einen brachte er mit Attacken dieser Art mächtig gegen sich auf, aber viele stimmte er nachdenklich. Seine eigene Jagdleidenschaft hob und senkte sich in stark ausschlagenden Fieberkurven. Mal widerte ihn das Ballern und Totschlagen an, dann wieder steigerte er sich in einen wahren Blutrausch. Aber es war nicht nur dieser archaische Beutetrieb, die Jagd war mehr für ihn. Viel mehr: ein Naturerlebnis, wie es intensiver kaum sein konnte. Die Jagd zwang den Jäger zur Geduld, zum stillen, andächtigen, manchmal auch erregten Lauschen, Schnuppern und Ausschauhalten, zur Diskretion, zur Verschmelzung mit dem, was Stadtmenschen als Wildnis bezeichnen, in Wirklichkeit aber einer Ordnung gehorcht, die größer ist als alle menschliche Vernunft. Ja, viel Demut und Respekt verlangte einem die Jagd ab. Nur Tyrannen und Volltrottel rechneten fest damit, dass sie irgendwas schießen würden, alle wirklichen Jäger vertrauten sich dem Lauf der Dinge an, der von vielen Unwägbarkeiten abhing und von Geheimnissen umwoben war.

Auszüge aus: Heinrich Thies, Mein Herz gib wieder her. Lisa und Hermann Löns, Romanbiografie mit zahlreichen Abbildungen, zu Klampen Verlag 2016, 368 Seiten, 24,80 Euro.

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