Gobbler sind in Deutschland seltene Beute

Wildtruthühner Kottenforst

Mit der am 16. März beginnenden Jagdzeit auf Truthähne steht Antonius Freiherr von Boeselager vor ganz besonderen sechs Wochen. Als Dank für seine mehr als zwei Jahrzehnte an der Spitze hat der Wildputenhegering im Kottenforst nahe Bonn ihm den Abschuss eines reifen Hahns freigegeben. Er ist damit bundesweit der einzige, der 2016 dieses seltene Wild erbeuten kann. „Wir würdigen damit seine Verdienste. Ihm ist maßgeblich zu verdanken, dass die Wildtruthähne noch dem Jagdrecht unterliegen“, sagt Karl-Theodor Freiherr von Geyr. Seit vergangenem Jahr ist er Boeselagers Nachfolger als Vorsitzender des Wildputenhegerings.

Nur gut 400 Wildtruthühner sind in der Bundesrepublik seit deren Gründung zur Strecke gekommen. In der wechselvollen Geschichte des Vorkommens im Kottenforst sind es noch keine 80. Der heute in Deutschland einzige Bestand einer Art, die ihre Ursprungsheimat in Nordamerika hat, umfasst etwa 100 Vögel. Exaktere Zahlen soll die Zählung bringen, die nach etlichen Jahren erstmals wieder für den 9. April angesetzt ist.

Wenn von einer „dummen Pute“ die Rede ist, gilt das allenfalls für das Hausgeflügel. Die wilden Verwandten im nördlichen Kottenforst sind hellwach und sehr scheu. Sie äugen gut. Erweckt etwas ihren Argwohn oder nehmen sie eine Bewegung wahr, recken sie Hals und Kopf und machen sich im Zweifelsfall schleunigst aus dem Staub, meistens laufend. Bis zu 40 Stundenkilometer erreichen die Truthühner dabei. Kommen die bis zu acht Kilogramm schweren Vögel in allzu große Bedrängnis, nehmen sie auch auf dem Luftweg Reißaus. Dabei erreichen sie bis zu 85 Stundenkilometer.

Von März bis Mitte Mai erklingt im Kottenforst das „Gobbel-obbel-obbel“. Diesem weit hörbaren kollernden Balzruf verdankt der Wildtruthahn in seiner Stammheimat Nordamerika die Bezeichnung Gobbler. In der Paarungszeit schwellen die nackten Hautauswüchse des Halses, der ebenso wie der Kopf federlos ist, an und färben sich rot. Dann sieht der Vogel noch skurriler aus als sonst.

Die Jagd auf Truthähne ähnelt jener auf Raufußhühner. Meist wird sie mit der .22 Hornet oder dem Schrotschuss ausgeübt. Dass die Hähne nur während der Balz erlegt werden, ergibt sich schon aus der kurzen Jagdzeit vom 16. März bis zum 30. April. Als Trophäe gelten neben dem Ganzkörperpräparat die Stoß genannten Schwanzfedern und der Bart, ein Büschel haarähnlicher Brustfedern, die kontinuierlich nachwachsen. Hennen sind ganzjährig geschont. „Die gelegentliche Entnahme eines Hahns gibt der Besatz sicherlich her“, sagt Geyr.

Wildtruthühner Kottenforst

In den vergangenen Jahrhunderten ist in Deutschland mehrfach versucht worden, die Jagd auf Wildtruthühner durch Einbürgerung zu ermöglichen und zu sichern. Fraglich ist, ob die ersten nachgewiesenen Vorkommen auf echten Wildtruthühnern aus Amerika basierten oder auf verwilderten Hausputen. Auf jeden Fall kamen sie vor gut hundert Jahren sporadisch in Deutschland vor und schafften es deshalb 1934 als jagdbare Wildart ins Jagdgesetz. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die Vorkommen zwar erloschen, die Wildtruthühner wurden dennoch als bejagbares Wild ins Bundesjagdgesetz aufgenommen, und zwar mit Schusszeiten für Hähne und Hennen. Sinn machte dies erst wieder, als 1957 die ersten Einbürgerungsversuche, von denen es in der Geschichte der Bundesrepublik insgesamt elf gegeben hat, begannen. Urheber war Dr. Josef Effertz. Der damalige nordrhein-westfälische Minister für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten wohnte in der Gemeinde Miel am Rande des Kottenforstes. Auf Anweisung des begeisterten Vogelliebhabers, der kein Jäger war, begann die Forschungsstelle für Jagdkunde und Wildschadenverhütung an vier Orten in NRW mit Einbürgerungsversuchen.

Gehalten hat sich einzig das Vorkommen im Kottenforst, dessen Basis 200 Bruteier waren, die 1958 als Geschenk der Pennsylvania Game Commission geliefert wurden. Nachdem sich die Vögel gut vermehrt hatten, gründeten zehn Mitglieder am 3. März 1967 den Wildputenhegering, der heute 2.500 Hektar umfasst. In der Satzung verpflichteten sie sich, „den vorhandenen Wildputenbestand in ihren Revieren einer gemeinsamen Bewirtschaftung zu unterstellen. Das gilt insbesondere für die Festsetzung des Abschusses.“

Wildtruthühner Kottenforst

Der Besatz schwankte mehrfach. Als er Mitte der 1990er-Jahre erneut spürbar zurückging, gewann der Hegering einen Sponsor, der über fünf Jahre insgesamt 50.000 Euro zur Verfügung stellte. Eier und Küken von Wildfängen wurden aus Amerika importiert, zwei Zuchtstämme mit jeweils einem Hahn und insgesamt sieben Hennen aufgebaut, eine Aufzucht- und eine Aussetzungsvoliere gebaut. Einfach sind die Stützungsmaßnahmen nicht. Dieses Wild „ist viel schwieriger zu handhaben als etwa Enten oder Fasanen. Die Befruchtungsrate der Eier beträgt nur 60 Prozent. Und nur aus der Hälfte der befruchteten Eier schlüpft tatsächlich ein Küken“, fasst Dr. Heinrich Spittler die Erfahrungen zusammen. Seit rund vier Jahrzehnten begleitet und betreut der Wissenschaftler die Wildtruthühner im Kottenforst.

Den großen Sponsor gibt es nicht mehr. Allenfalls fließen gelegentlich kleinere Spenden. Den Zuchtstamm hat der Fuchs ausgelöscht. Reineke und die anderen Fressfeinde zu Boden und in der Luft setzen den Wildputen weiterhin mächtig zu und sind das größte Problem für deren Erhalt. Doch die Mitglieder des Wildputenhegerings geben nicht auf. Sie leisten Arbeitseinsätze und greifen ins eigene Portemonnaie, damit Eier aus Kanada importiert und die geschlüpften Küken aufgezogen und ausgewildert werden können. Denn auch in künftigen Frühjahren soll das „Gobbel-obbel-obbel“ der Wildtruthähne im Kottenforst erklingen.

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