Auf der Jagd nach dem perfekten Foto: Mäusebussarde streiten um einen Feldhasen

Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte – und der Dritte war in diesem Falle Dieter Hopf –, denn solche Bilder, wie sie ihm zwei Bussarde bescherten, macht man nicht alle Tage.

Mäusebussarde

Fotos und Text: Dieter Hopf

Erbarmungslos pfiff der eisige Ostwind tagelang ums Haus, türmte den Schnee fast meterhoch und zwang die Wildtiere, windgeschützte Plätze aufzusuchen. Ihre Körperfunktionen wurden auf Sparflamme heruntergefahren und sie bewegten sich nur, wenn es unbedingt sein musste. In dieser Zeit zehrten sie von den Fettreserven, welche ihr Körper gespeichert hatte. Aber auch diese Reserven sind irgendwann aufgebraucht und dann heißt es: wieder auf Nahrungssuche gehen. Und diesen Umstand machte ich mir zunutze. 

Endlich klart es auf, die Sterne leuchten vom Himmel, als ich das Haus verlasse, und es wird ein richtig schöner Wintertag werden. Noch ist es stockdunkel, als ich mein Auto am Waldrand abstelle. 200 Meter muss ich noch durch den Schnee stapfen, dann habe ich das Fotoversteck erreicht. Der mitgebrachte, überfahrene Feldhase, welchen ich vor einigen Tagen von einem Jäger bekam, wird an einer bestimmten Stelle vor dem Versteck ausgelegt und dient mir in den nächsten Stunden als „Köder“ für die hungrigen Waldvögel. Als im Inneren des Verstecks alles an seinem Platz verstaut ist und ich mich in den warmen Daunen-Ansitzsack eingehüllt habe, beginnt es im Osten bereits zu dämmern. 

Mäusebussard isst Hase

Heller Mäusebussard auf dem Kadaver

Aus Erfahrung weiß ich, dass Mäusebussarde, noch bevor es richtig hell ist (daher auch das Aufsuchen des Verstecks noch bei Dunkelheit), auf Nahrungssuche fliegen und irgendwann den Hasen am Feldrand entdecken werden. Sie wären nicht imstande, einen ausgewachsenen Feldhasen zu erbeuten, aber einen toten verschmähen sie natürlich nicht, erst recht nicht, wenn der Magen knurrt. Und so dauert es auch nicht lange, bis ich aus der Ferne die katzenhaften „Hiä, hiä“-Rufe eines Bussards vernehme, die immer näher kommen und dann aber verstummen. Irgendwo in der Nähe muss er gelandet sein und beobachtet nun sicher argwöhnisch den Kadaver. Jetzt nur nicht bewegen. Durch ein kleines Guckloch in dem Versteck suche ich die umstehenden Bäume ab, kann aber, obwohl es inzwischen heller Tag geworden ist, nichts entdecken. Als ich den Blick wieder dem Hasen zuwende, traue ich meinen Augen nicht. Mit ausgebreiteten Flügeln sitzt ein Mäusebussard auf dem Hasen und beobachtet aufmerksam die Umgebung. Obwohl die Versuchung groß ist, den Auslöser der Kamera zu drücken, beherrsche ich mich, denn solange der Vogel mit seinen scharfen Augen so misstrauisch die Gegend beobachtet, reicht die kleinste Unachtsamkeit meinerseits und er fliegt davon, denn die Entfernung zu dem toten Hasen beträgt gerade mal zwölf Meter. Erst wenn sich der Vogel sicher fühlt und zu kröpfen (fressen) beginnt, lässt seine Aufmerksamkeit nach und ich kann die ersten Bilder machen.

In diesem Falle scheint schon bald der Hunger über die Aufmerksamkeit zu siegen, denn der Bussard beginnt nun, an dem toten Hasen herumzuzerren. Kaum habe ich die ersten Bilder gemacht, als wieder das „Hiä, hiä“ eines Bussards zu hören ist, das schnell lauter wird, und urplötzlich fliegt ein Bussard heran und attackiert den auf dem Hasen sitzenden. Beide Vögel stehen sich mit weit geöffneten Flügeln gegenüber und was sich nun abspielt, habe ich bis dato auch noch nicht erlebt. Da keiner der beiden auf die fette Beute verzichten will, obwohl der Feldhase leicht für beide als Nahrung reichen würde, kommt es unweigerlich zum Kampf.

Kämpfende Mäusebussarde

Der hellere Mäusebussard lässt sich nichts gefallen und attackiert den Gegner

Und dieser Kampf wird unbarmherzig geführt. Ich kann hier nicht jede Einzelheit wiedergeben, doch wird mit Krallen, Schnäbeln und den ausgebreiteten Flügeln auf den Kontrahenten eingedroschen, dass der Schnee aufstiebt. Mal liegt der eine auf dem Rücken und der andere steht mit vorgestreckten Krallen über ihm, mal ist es umgekehrt und ich drücke pausenlos der Auslöser der Kamera. Unnachgiebig sind alle beide und so dauert der Kampf – ich kann es kaum glauben – eine knappe Stunde und in dieser Zeit drücke ich 766 Mal den Auslöser der Kamera. Dann aber scheinen beide am Ende ihrer Kräfte zu sein – und gelohnt hat es sich für keinen von beiden, denn bei lauter Streiten kam keiner zum Fressen. Schwerfällig und erschöpft fliegt einer auf den nächsten Baumstubben, während der „Sieger“ noch eine Weile auf dem Hasen sitzt und sein zerzaustes Gefieder in Ordnung bringt, um dann, ohne zu fressen, in die andere Richtung davonzufliegen. Ein bekanntes Sprichwort sagt: Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte, und der Dritte war in diesem Falle ich, denn solche Bilder, wie sie mir die beiden Bussarde bescherten, macht man auch nicht alle Tage.

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