Fallwild – wie geht die Natur damit um?

Mit der Frage, was eigentlich mit eingegangenem Wild in der Natur geschieht, hat sich Burkhard Stöcker beschäftigt.

Kolkrabe und Mäusebussard an den Resten eines Wildschweins (Foto: Burkhard Stöcker)

Kolkrabe und Mäusebussard an den Resten eines Wildschweins (Foto: Burkhard Stöcker)

Manch strenger Winter, Wildkrankheiten sowie das noch immer steigende Straßenverkehrsaufkommen setzen zahlreichen heimischen Wildtierarten hart zu. Besonders die Zahl der Straßenverkehrsopfer bewegt sich europaweit längst im mehrstelligen Millionenbereich.

Doch selbst nach kalten, schneereichen Wintern in wildreichen Revieren oder entlang vielbefahrener Straßen durch Haupteinstandsgebiete türmen sich nirgendwo Kadaver und Knochenberge. Was passiert mit eingegangenem Wild, was mit manch vergeblicher Nachsuche? Im Revier findet der Jäger kaum einmal größere eingegangene Tiere, weil die Verwertung und Umsetzung viel schneller vor sich geht als gemeinhin angenommen wird.

Für die menschliche Ernährung geht zwar mitunter wertvolles Wildbret verloren, doch sind die Kadaver für die Natur keineswegs „Abfall“. Viele Organismen profitieren von ihnen, etliche sind gar von toter tierischer Biomasse abhängig. 

„Öko-Tierkörperbeseitigung“ im Freiland

Die Zersetzung der Wildtierkörper kann sehr unterschiedliche Wege gehen und ist stark abhängig von Ort und Jahreszeit. Im Sommer übernimmt ein Heer von Mikroorganismen (Destruenten = Pilze und Bakterien), Insekten, Säugetieren und Vögeln die „Verwertung“. Hierbei ist es bedeutsam, wie exponiert der Kadaver liegt und von wem er zuerst entdeckt wird. Im Normalfall sind es zuerst Fliegen, die ein totes Säugetier oder einen toten Vogel orten und sogleich ihre Eier in die Äser- bzw. Schnabelregion und offene Hautpartien ablegen.

Ameisen verwerten eine Spitzmaus (Foto: Burkhard Stöcker)

Ameisen verwerten eine Spitzmaus (Foto: Burkhard Stöcker)

Aus den Eiern schlüpfen innerhalb kürzester Zeit Maden, die sich vornehmlich von Muskelfleisch ernähren.  Goldfliegenmaden z.B. sind darüber hinaus in der Lage, Sehnen und weiche Knochen zu nutzen – sie können somit theoretisch einen Großteil des Tieres quasi im Alleingang verwerten. Haar und Federn können von bestimmten Kleinschmetterlingen und Pilzen umgesetzt werden. 

Kolkraben – die „Geier“ Mitteleuropas

In Regionen mit Kolkrabenvorkommen werden größere Kadaver mit Hilfe einer scheinbar allgegenwärtigen Luftaufklärung durch die Raben rasch geortet. Kolkraben sind wenig spezialisierte Allesfresser. Nach einer in der Regel längeren Beobachtungsphase (Ist das Tier auch wirklich tot? Kommt nicht doch noch ein Mensch hinzu?) beginnen Kolkraben mit einer systematischen Aufschließung des Wildkörpers. Dies soll am Beispiel eines Rehes kurz verdeutlicht werden: Nachdem die Kolkraben von einer erhöhten Aussichtswarte längere Zeit die Umgebung kontrollierten, fiel der erste in der Nähe des Kadavers ein. Das tote Tier wurde umrundet und liegend bzw. hüpfend einige Male angepickt, ob es auch wirklich leblos blieb.

Dann begann der erst Rabe im Normalfall an der Kopfpartie das Stück zu öffnen. Zunächst wurden meist die Lichter herausgepickt, kurz darauf öffnete ein weiterer Raben den Spiegelbereich. In diesen beiden Partien, die oft auch gleichzeitig angegangen werden, gelangen die Raben am schnellsten in das Innere des Wildkörpers, wo die attraktivste Nahrung zu finden ist. 

Mehrere „Planstellen“ am Luder

Im Verlaufe von zwei Stunden wurden insgesamt sechs „Planstellen“ durch Kolkraben besetzt. Bei einem üppig vorhandenen Nahrungsangebot tendieren auch Kolkraben zu einer Art Vorrasthaltung. Die Raben schlingen große Nahrungsbrocken herunter, fliegen fort und deponieren sie irgendwo, um sie später wieder aufzusuchen. Wie diese Vorratshaltung der Raben im Einzelnen funktioniert, weiß man noch nicht.

Erst als die Vorbereitungen des Kadavers durch Kolkraben schon weit vorangeschritten waren, kamen Mäusebussarde hinzu. Sie hatten den Kadaver zwar ebenfalls deutlich früher entdeckt, ließen jedoch den kräftigen Schnäbeln der Kolkraben offenbar den Vortritt. Nachdem etliche der kräftigen Kolkraben das Reh fast vollständig in Beschlag genommen hatten, schien für die Bussarde kaum mehr Platz zu sein. Doch die Dominanzverhältnisse schlugen rasch zugunsten der Bussarde um. Sobald einer der Greife auftauchte, räumten die Kolkraben sogleich die Planstelle am Reh. Im Verlaufe der Zeit wurden die „Götterboten“ jedoch gegenüber den Bussarden immer dreister. Ständig zerrten Raben am Gefieder bzw. der Schwinge der Bussarde. Manchmal wurde ein Bussard auch von zwei Raben gleichzeitig bearbeitet. Einigen der Greife wurde es nach einiger Zeit zu bunt und sie strichen offenbar entnervt ab. Fraßen anfangs noch ein oder zwei Bussarde allein am Reh, legten die Raben ihre Scheu allmählich ab und besetzten die noch freien Planstellen. Nebel und Rabenkrähe umkreisten auch schon länger den Kadaver, ließen sich jedoch nur in den Fresspausen der Raben und Bussarde blicken. Einige Mal fielen auch Seeadler ein, die das Terrain dann konkurrenzlos beherrschten. Im Hochgebirge dürfte der Steinadler ähnlich konkurrenzlos sein. Selbst der körperlich überlegene Bartgeier lässt dem Adler dort den Vortritt, weil es ihm primär um die Knochen und nicht um das Fleisch geht.

Zwei Stücke Rehwild wurden so im Februar im Verlaufe von je einer Woche von der beschriebenen Artengemeinschaft bei Minustemperaturen von bis zu 15° genutzt. Schwarzwild wurde in diesem Zeitraum am Ort des Geschehens ebensowenig gefährtet wie Füchse. Möglicherweise hat die stets präsente menschliche Witterung beide Arten von der Rehnutzung abgehalten. Im Normalfall lassen sich jedoch sicherlich weder Füchse noch Sauen eine Teilhabe an einem verluderten Reh entgehen und wo der Wolf vorkommt dürfte er auch klassischer Nutznießer sein.

Die hier beschriebene winterliche Umsetzung eines Säugerkadavers kann natürlich auch ganz anders ablaufen. In Regionen ohne oder mit weniger Kolkraben geht die Nutzung möglicherweise langsamer vonstatten – vielleicht unter stärkerer Beteiligung von Krähen, Elstern und Eichelhähern. Auch Milane (im Sommer!) und Möwen werden in der Nähe von Seen oder Küsten als „Mitesser“ beobachtet. Verschiedene Meisenarten oder auch andere Kleinvögel wie Spechte nehmen gerne kleiner Fettteile auf oder zupfen zum Ende des Winters Haare aus der Decke, um diese für den Nestbau zu verwenden. 

Geforkelter Hirsch (Foto: Burkhard Stöcker)

Geforkelter Hirsch (Foto: Burkhard Stöcker)

Liegt nicht ständig menschliche Witterung in der Luft spielen gewisse Säuger eine erhebliche Rolle: Wölfe, Schwarzwild, Fuchs, Marder, Dachse und wo er vorkommt sicherlich auch der Braunbär. Von ihm weiß man ja, dass er, frisch aus dem Winterschlaf erwacht, erst einmal gerne bspw. Lawinen- und Steinschlagrinnen nach Fallwild absucht, um seine Energien nach dem Winter wieder zu regenerieren. Dort wo sie noch vorkommen spielen natürlich auch die Geier bei der Umsetzung von Großsäugerkadavern eine gewichtige Rolle.

In den afrikanischen Savannen sind es die verschiedensten Geierarten, die die Hauptrolle bei der Sekundärnutzung von Löwen- und anderen Raubtierrissen einnehmen. Dort teilen sich mehrere Geierarten bestimmte Körperregionen und Verwesungszustände untereinander auf.  So verschwinden die Reste der Räubermahlzeiten meist innerhalb kürzester Zeit aus der Savanne. 

Menschen, Raubwild, Vieh und Geier

Das Verschwinden der Geier aus Mitteleuropa ist neben der direkten Verfolgung durch den Menschen u.a. auch auf die Ausrottung des Großraubwildes zurückzuführen, von dessen Rissen sich die Geier ernährten. Zudem führte die intensive Aufstallung des Viehs sowie die verbesserte Hygiene bei der Viehwirtschaft dazu, dass kaum noch Tierreste in der freien Landschaft zu finden waren, die das Angebot der Großräuber und Geier ergänzten. Hier wird deutlich, dass auch Großtierkadaver wesentliche Bestandteile natürlicher Ökosysteme sind und ihr Fehlen offensichtlich Folgen hat (te?). Von der derzeitigen Rückbesiedlung Mitteleuropas durch Wolf und Luchs profitieren gewiss etliche „Resteverwerter“. In einigen Großschutzgebieten wird auch bereits darüber nachgedacht, ob nicht in sehr störanfälligen Kernzonen Schalenwild zwar mit jagdlichen Mitteln reguliert, aber nicht mehr geborgen wird. Beim Schwarzwild im Zeitalter der ASP gewiss nicht einfach zu realisieren…

Natürlich sträuben sich uns Jägern bei derartigen Vorstellungen arg die „Trägerhaare“. Doch wie ging es vor gar nicht langer Zeit zahlreichen Förstern, als sie z.B. Windwürfe oder anderes Totholz im Walde liegen bzw. stehen lassen sollten? Heute wissen wir, wie notwendig dieses tote Holz für zahlreiche Arten des Waldes ist und daß ein Funktionieren natürlicher oder naturnaher Waldökosysteme ohne Totholz undenkbar wäre.

Nun wird hoffentlich niemand von uns verlangen, erlegtes Wild serienweise im Wald liegen zu lassen. Doch könnte in Großschutzgebieten das eine oder andere – vielleicht nach schwierigen oder langen Nachsuchen ohnehin kaum zu verwertende Stück – fraglos zum dortigen „Nutzen“ der Natur beitragen. Daß ein nachgesuchtes und am nächsten Morgen bereits angeschnittenes Stück Wild nicht in der Nähe vielbegangener Wege verbleiben sollte versteht sich von selbst. In einigen abgelegenen alpinen Regionen könnte jedoch das Liegenlassen von Fallwild z.B. die angestrebte Rückkehr von Gänse- und/oder Bartgeier unzweifelhaft fördern.

Aufpassen müssen wir allerdings beim Liegenlassen von Wild, dass durch verbleite Kugeln zu Tode kam. Wir wissen ja inzwischen, dass zahlreiche Aasverwerter Bleivergiftungen davontragen können. Dies ist bspw. beim Seeadler schon mehrfach nachgewiesen.

Inzwischen gibt es jedoch zahlreiche sehr solide arbeitende Alternativen unter den Büchsengeschossen, so dass eigentlich jeder Jäger eine praxistaugliche Alternative zu bleihaltigen Büchsengeschossen finden kann.

Logo der Stiftung Wald und Wild in Mecklenburg-Vorpommern

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Ein Beitrag von Burkhard Stöcker für unseren Premiumpartner, die Stiftung Wald und Wild in Mecklenburg-Vorpommern.

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