Der Flughafenjäger (I)

Ein Fuchs auf dem Köln-Bonner Rollfeld

Fotos: Ulf Muuß / Die Füchse führen ein recht sorgenfreies Leben auf dem Flughafengelände.

„Bird Control von Ground – Betriebsunterbrechung auf der Drei Zwo Rechts, Sie haben zehn Minuten!“ Der Funkspruch kam vom Tower, der gerade eine Boeing 747 aus dem Landeanflug in die Warteschleife geschickt hatte. Meinen Kollegen Micha, der die Abteilung „Grünfläche“ leitet, hatte ich schon eingenordet und ihm die Kamera in die Hand gedrückt: „Du fährst drauflos, bis die Kraniche abheben. Dann hältst Du an und ich springe raus!“

Die Kraniche waren uns vorher von einem Sicherheitsbeamten auf seiner Routinetour gemeldet worden. Der mehr als dreißigköpfige Schwarm war nachts genau im Anflug der Hauptbahn 32 R zum Rasten eingefallen. Nach Begutachtung der Lage aus sicherer Entfernung hatten wir die Flugsicherung im Tower informiert und jetzt grünes Licht für die Vergrämungsaktion bekommen.

Berufsjäger Ulf Muuß und seine Hunde

Berufsjäger Ulf Muuß mit seinem Diensthund, einem Deutsch-Kurzhaar, und seinem Bayerischen Gebirgsschweißhund, der bei Nachsuchen zum Einsatz kommt

Micha beschleunigte den Allrad-Pickup, während ich den Schreckschuss-Revolver bestückte und meinen Jagdhund mit Kommandos darauf einstellte, dass es gleich etwas zu tun gibt. Als die ersten der grauen Großvögel ihre Schwingen hoben und der Geländewagen zu Stehen gekommen war, riss ich die Beifahrertür auf und schickte meinen Hund zur Hatz. Der ließ sich nicht zweimal bitten, schoss wie der Blitz los und kam bis auf wenige Meter an die letzten Kraniche heran. Denen fuhr der Schreck gehörig in die hohlen Knochen. Nun waren sie zwar in der Luft vor dem braunen Ersatz-Wolf sicher, aber nicht vor meiner Pyro-Akustik. Nach der Pfeifrakete detonierten noch zwei „Vogelschreck“-Böller mit einer gewaltigen Druckwelle unter dem komplett verschreckten Schwarm. Das war zu viel. So viel Stress hatten sie wahrscheinlich während der ganzen Zeit in ihrem skandinavischen Sommerquartier nicht gehabt. Nach einer Runde zur Orientierung zogen sie weiter Richtung Süden.

Das war meine Feuertaufe nach sechs Wochen als „Fachkraft für biologische Flugsicherheit“ am Flughafen Köln/Bonn. „Bird Control“ fand ich anfangs etwas komisch, ist aber nun mal weltweit die einheitliche Bezeichnung für diesen Aufgabenbereich, den jeder Flughafen besetzen muss.

Du, die suchen Dich!

Rückblende, drei Monate vorher: „Du, die suchen Dich!“ Mit einem Augenzwinkern schob mir meine Frau die aktuelle Ausgabe des Mitteilungsblattes des Jagdverbands rüber. Wir saßen gemütlich beim Rotwein. Nach fast 20 Jahren im privaten Revierdienst hatte ich genug gehabt von der Berufsjägerei und war in einem Forstbetrieb gelandet, der sich auf Gefahrfällungen und Arbeiten in Steilhanglagen spezialisiert hatte. Der Job machte richtig Spaß.

Deshalb hatte ich auch seit Längerem keine Stellenanzeigen mehr gelesen. Genau diese Seite in der Zeitschrift lag jetzt aufgeklappt vor mir. „Fachkraft für biologische Flugsicherheit“ – was sollte das denn sein?! Ein Blick auf das Anforderungsprofil des Flughafens Köln/Bonn machte deutlich: Die suchten eine „eierlegende Wollmilchsau“. Fundierte ornithologische Kenntnisse, umfangreiche Jagdpraxis, Erfahrung mit Kartierung und Mitarbeiterführung, Landschaftsökologie, selbstständiges Arbeiten natürlich, Pflege von Kontakten zu Behörden und Medien, abgeschlossenes Studium.

Abendstimmung am Köln-Bonner Flughafen

Abendstimmung am Köln-Bonner Flughafen

Auf die Dauer wäre das mit der Baumschubserei nicht gut gegangen, immerhin war ich Mitte 40 mit ersten Verschleißerscheinungen, und mit über 50 wird der Arbeitsmarkt auch überschaubar. Erst recht, wenn man nicht mehr umziehen will. Einige Aufenthalte an der Vogelwarte Helgoland und die Mitarbeit an ein paar Artenschutzprogrammen waren bestimmt hilfreich.

Also – Bewerbung aktualisiert und in den Briefkasten gesteckt. Postwendend kam die Einladung zum Vorstellungsgespräch, das lief gut und kurz darauf hatte ich den Job. Mein abwechslungsreiches Berufsleben machte das fehlende Studium wett. Später erfuhr ich, dass der Flughafen schon monatelang gesucht und inseriert hatte, aber die meisten Bewerber waren wohl zu sehr auf Teilbereiche spezialisiert.

Am 1. Oktober 2011 trat ich meinen Dienst an. Mein Auftrag lautete, Vogelschläge zu verhindern, also die Zusammenstöße zwischen Vögeln und Flugzeugen. Auf den ersten Blick hört sich das nach einem Kampf gegen Windmühlen an. Immerhin ist der Luftraum offen und die Vögel können fliegen, wohin sie wollen. Bei 1000 Hektar Gesamtfläche (das entspricht fast 1500 Fußballfeldern) liegt auf der Hand, dass man ausschließlich mit Vergrämung keine Chance hätte.

Wie fast immer in der Natur spielen viele Faktoren eine Rolle. Der wesentliche Ansatz liegt darin, das Gelände möglichst unattraktiv für vogelschlag-relevante Arten zu machen. Und genau hier kommt die Erfahrung des Berufsjägers ins Spiel. Um erfolgreich zu hegen, müssen wir die Lebensraumansprüche der unterschiedlichen Wildarten kennen. Im klassischen Revierdienst fördern wir die positiven Faktoren (z.B. durch Äsungs- und Deckungsverbesserung) und vermindern negative Einflüsse wie etwa Druck durch Fressfeinde.

Bussard am Köln-Bonner Flughafen

Die auf dem Flughafengelände ständig lebenden Bussarde kennen sich mit Flugzeugen aus. Sie werden nur selten Opfer von Vogelschlägen

Am Flughafen drehen wir den Spieß um. Auf den rund 650 Hektar Grünfläche sind die Höhe und Artenzusammensetzung des Bewuchses unsere wesentlichen Stellschrauben, um den „Hauptverdächtigen“ in Sachen Vogelschlag das Gelände zu verleiden. Gänse beispielsweise erkennen schon auf weite Entfernung, dass bei uns kein schmackhaftes, frisches Grün wächst. Es gibt Überflüge, aber keine Landungen.

Fruchttragende Bäume und Sträucher locken Tauben und Drosseln an. Die Spätblühende Traubenkirsche zum Beispiel wird mit einem enormen Aufwand bekämpft. Eichen und Rotbuchen werden nach und nach entnommen und durch natürlich nachwachsende, weit weniger attraktive Arten ersetzt. Das sind bei uns unter anderem Birke, Hainbuche, Robinie, Weide und Kiefer.

Den Abteilungen Land- und Forstwirtschaft kommt eine entsprechend hohe Bedeutung zu – ein guter direkter Draht zu den Männern auf den Traktoren und an der Säge ist dabei unerlässlich. Jagd und Vergrämungsaktionen wirken unterstützend.

Aber nicht nur die großen Vertreter aus der Vogelwelt beeinträchtigen die biologische Flugsicherheit. Mit materiellen Schäden ist spätestens ab Taubengröße zu rechnen, genauso wie bei Schwärmen von Kleinvögeln. Nach Angaben des „Deutschen Ausschusses zur Verhinderung von Vogelschlägen im Luftverkehr e.V.“ führt übrigens der Star die Liste der gefährlichen Vögel an. 

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