Bleifrei ist (k)eine Glaubensfrage

Bleifrei oder bleihaltig? Bei gleichem Mantelmaterial verrät es nur die Geschossspitze

Bleifrei oder bleihaltig? Bei gleichem Mantelmaterial verrät es nur die Geschossspitze.

Bleifrei oder bleihaltig? Welche Munition verwendet werden darf, legen die Länder fest – und das ganz unterschiedlich. Bei der Niederwildjagd ist die Frage noch recht einfach beantwortet. Nichts falsch gemacht hat, wer mit bleihaltigen Schrotpatronen auf Hase, Kaninchen und Fasan schießt. Bei der Jagd am und über Wasser, also wenn es Ente und Gans gilt, greift der Jäger hingegen sinnvollerweise zu bleifreien Patronen. Deutlich unübersichtlicher – und umstrittener – ist die Lage, wenn es um Büchsenmunition geht. Und die Diskussion hält seit Jahren an, ist in Teilen zu einer Glaubensfrage geworden. Vielfach wurden Gutachten angefertigt und Erfahrungsberichte gesammelt und ebenso vielstimmig werden die Ergebnisse als nicht aussagekräftig bezeichnet. Dänemark hat sogar das Verbot bleihaltiger Geschosse wieder aufgehoben.

Dabei sind die Anforderungen, die Jäger an ihre Büchsenpatronen stellen, klar definiert:

  • gute Tötungswirkung
  • Umweltverträglichkeit
  • Sicherheit (Abprallverhalten)
  • geringe Wildbretzerstörung

Daneben spielen jagdpraktische Aspekte eine wichtige Rolle: Zeichnet das Wild nach dem Schuss? Sind am Anschuss Schweiß und Schnitthaar zu finden, die etwas über den Treffersitz verraten und eine mögliche Nachsuche erleichtern? Wie lang sind die Fluchtstrecken tödlich getroffenen Wildes?

Foto: MSDW

Doch allen anhaltenden Debatten zum Trotz müssen sich viele Jäger letztlich gar nicht mehr überlegen, ob sie umstellen wollen. Sie müssen es. Denn in vielen Bundesländern gibt es klare Vorgaben. Generell lässt sich sagen, dass es die größten Restriktionen überall dort gibt, wo die Landesjagdgesetze unter Beteiligung von Bündnis 90/Die Grünen in jüngster Zeit geändert worden sind. Längst ist in vielen Landesforsten die Erlegung von Schalenwild – also Reh, Hirsch und Wildschwein – nur mit bleifreien Geschossen erlaubt. Mit Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen haben sich darüber hinaus drei Bundesländer entschlossen, die Nutzung bleihaltiger Büchsenmunition gänzlich zu verbieten.

Bleihaltige Munition in Einzelteilen

Foto: Arthurrh / wikipedia.org

Bleihaltige Munition in Einzelteilen

Wer also dort oder in entsprechenden staatlichen Revieren waidwerkt und bislang bleihaltige Geschosse genutzt hat, muss umstellen. Dabei gibt es an der Treffergenauigkeit bleifreier Geschosse keine generelle Kritik. Auch dass der Lauf einer Waffe das neue Geschoss nicht verdaut, ist die Ausnahme. Entscheidend ist, die richtige Munitionssorte zu finden. Zwei unumstößliche Tatsachen gilt es dabei im Auge zu haben: Blei ist weicher als die Alternativmaterialien und schwerer. Das führt dazu, dass bleifreie Geschosse in der Regel bei gleichem Kaliber eine höhere Durchschlagskraft erzielen, die Deformationswirkung und das Ansprechen des Geschosses im Wildkörper aber geringer ist.

Nun gilt ganz allgemein, dass nicht jede Laborierung mit jeder Waffe harmoniert. Jagdlich brauchbare Streukreise von maximal fünf Zentimeter auf hundert Meter Schussentfernung sollten sich aber stets erzielen lassen. Dies kann bei bleifreien Patronen etwas schwieriger sein, wenn möglichst schwere Geschosse gewählt werden. Da alle Bleifrei-Alternativen stets ein geringeres spezifisches Materialgewicht haben als Blei und der Durchmesser des Geschosses durch das Kaliber festgelegt ist, müssen die Geschosse länger sein. Das führt gelegentlich zu Präzisionsproblemen. Gelegentlich ist zu hören, für Büchsen mit amerikanischen, also in Zoll angegebenen Kalibern eigne sich bleifreie Munition amerikanischer Hersteller am besten, für Waffen mit metrischer Kaliberangabe hingegen seien Patronen europäischer Hersteller vorzuziehen. Das mag im Einzelfall mal passen, ist aber als generelle Aussage ebenso falsch wie die Behauptung, am besten harmonierten Waffe und Munition, wenn beide aus dem selben Herstellerland stammten.

Bevor sich diese Frage aber überhaupt stellt, ist bei der Umstellung auf bleifrei zunächst über den Geschosstyp zu entscheiden. Dabei gibt es zwei Konstruktionsprinzipien: Teilzerlegungs- und Deformationsgeschosse. Erstere verformen sich wie Teilmantelgeschosse mit Bleikern pilzförmig. Sie geben mehr oder weniger große Splitter ab. Gelegentlich wird fehlender Ausschuss und eine quasi innerliche Verpuffung im Wildkörper beklagt. Dem wird mit einem massiven Geschossrestkörper entgegenzuwirken versucht. Den Deformationsgeschossen hingegen wird gelegentlich eine Wirkung ähnlich Vollmantelgeschossen nachgesagt, also nur kalibergroßer Ausschuss, wenig Pirschzeichen und lange Fluchtstrecken des getroffenen Wildes. Das gilt ganz sicher für monolithische, masse- und formstabile Solids, die aus annähernd reinem Kupfer bestehen. Sie sind in unseren mitteleuropäischen Revieren kaum geeignet, haben aber ihre Berechtigung bei der Jagd etwa auf wehrhaftes Wild und Dickhäuter in Afrika.

Wichtig ist zu wissen, dass bleifreie Geschosse in der Regel aus einer Legierung aus Kupfer und Zink bestehen. Liegt der Kupferanteil unter 80 Prozent, heißt die Legierung Messing, im anderen Fall nennt man sie Tombak. In dem Zusammenhang erklärt sich auch, warum die Behauptung, ein Lauf müsse bei der Umstellung von bleihaltig auf bleifrei grundsätzlich chemisch gereinigt werden, nur in Einzelfällen richtig ist. Eine herkömmliche Reinigung im Rahmen der Waffenpflege ist natürlich immer richtig. Vor der Verwendung eines tombak-ummantelten bleifreien Geschosses aber gibt es keinen Grund für eine zwingende chemische Reinigung. Unter dem Strich gibt es also inzwischen für jede Einsatzart auch die passende bleifreie Büchsenmunition. Die richtige für den eigenen Bedarf zu finden, ist nur manchmal etwas mühsamer.

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