Auf der Jagd nach dem perfekten Foto (II)

Vier Tage und vier Nächte verbrachte Outfox-World Fotoreporter Dieter Hopf auf einem Hochsitz, um die Hirschbrunft in Ungarn zu fotografieren – das Resultat ist atemberaubend. Die Geschichte der kämpfenden Hirsche begeistert!

Zwei Rothirsche im Kampf

Der Kampf hat begonnen. Welcher Brunfthirsch wird am Ende triumphieren und seine Gene weitergeben?

Plötzlich ist in meinem Rücken ein furchtbares Röhren zu vernehmen, das mich doch gehörig zusammenfahren lässt. Vorsichtig drehe ich mich um und spähe durch den kleinen Sehschlitz der Tarnplane. Von mir nicht bemerkt, zog ein starker Hirsch aus dem nahen Bestand, steht etwa 30 Meter hinter der Kanzel und schreit dem Alten sein tiefes „Ooooaaaa“ entgegen. Weit legt er das Haupt zurück. Den Äser zu einem schmalen Trichter geformt, schreit er seine ganze Wut hinüber zu dem Rivalen. Und der schreit zurück. Einige Minuten lang geht das so. Unschlüssig steht das Kahlwild etwa 40 Meter vor der Kanzel im strömenden Regen mitten auf der Wiese.

Der Kampf um das Rudel beginnt

Es ist ein gigantisches Schauspiel, das sich auf so kurze Distanz vor mir abspielt. Jetzt wird es dem Alten bei seinem Rudel zu dumm. Er zieht seitlich an der Kanzel vorbei auf den Rivalen zu, immer wieder ein tiefes, hasserfülltes Röhren dabei ausstoßend. Der andere tut es ihm gleich, zieht ebenfalls auf seinen Widersacher zu und dann kommt, was in so einer Situation kommen muss, wenn keiner nachgeben will: ein Kampf. Beide Hirsche stehen sich auf wenige Meter gegenüber, plätzen abwechselnd mit dem linken, dann mit dem rechten Vorderlauf, sodass das nasse Gras nach hinten weggeschleudert wird. Sie ziehen langsam nebeneinander her, senken dabei die Köpfe, fingieren einen Angriff. Es scheint, als ob sich keiner so richtig traut, den Kampf zu beginnen, und darauf hofft, dass der Gegner wieder abzieht. Aber all das gehört zum Repertoire der Kontrahenten, jeder wartet auf die Attacke des anderen... – und plötzlich bricht die Hölle los! Soeben zogen sie noch „friedlich“ nebeneinander bzw. hintereinander her, doch plötzlich schwenken beide nach innen und krachen mit ihren Geweihen zusammen. Erbarmungslos wird gedrückt und gestoßen. Mal wird der eine einige Meter zurückgedrängt, mal ergeht es dem anderen so. Wie Kreisel drehen sie sich um die eigene Achse, lassen für ein paar Augenblicke voneinander ab, um gleich darauf wieder mit voller Wucht mit den Geweihen zusammenzukrachen.

Wer der Platzhirsch und wer der Herausforderer ist, lässt sich schon lange nicht mehr sagen. Beide scheinen gleich stark zu sein. Das Kahlwild, welchem ich einen schnellen Blick zuwerfe, steht teilnahmslos auf der Wiese und der Regen fällt in Strömen. Ich nehme den Finger nicht mehr vom Auslöser der Kamera und so läuft Bild um Bild der kämpfenden Hirsche auf die Speicherkarte.

Etwa drei Minuten dauert der erbarmungslos geführte Kampf, ehe einer der beiden die Flucht ergreift. Einige Meter wird der Verlierer noch von seinem Rivalen verfolgt, dann bleibt er stehen und schickt ihm ein böses, aber zugleich siegessicheres Röhren hinterher. Erst jetzt erkenne ich den Sieger. Es ist der Herausforderer, der den Kampf für sich entschieden hat, der alte Platzhirsch musste sich geschlagen geben und das Feld für den um einige Jahre jüngeren, stärkeren Konkurrenten räumen.

Als neuer Platzhirsch treibt dieser anschließend sein hart erkämpftes Rudel von der Wiese in den schützenden Akazienwald und es regnet weiter in Strömen. Wie versteinert sitze ich auf dem Hochstand und kann kaum glauben, was ich soeben gesehen, erlebt und sogar fotografiert habe. Das einzige Manko war der starke Regen. Er hat den Bildern zwar die Brillanz genommen, nicht aber das Dramatische. 

Hier geht es noch einmal zurück zu Teil 1: Auf der Jagd nach dem perfekten Foto (I)
Und hier finden Sie weitere Fotogeschichten von Dieter Hopf:
„Feldhase in der Sasse“ und „Fünf Sekunden – länger nicht“.

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