Auf der Jagd nach dem perfekten Foto: Der Geist der Dunkelheit

Naturfotograf Dieter Hopf erinnert sich an seine spektakuläre suche nach einer schneeweißen dachsfähe.

Weißer Dachs

Fotos: Dieter Hopf

Es gibt Erlebnisse, Ereignisse und Beobachtungen bei der Jagd, die ohne Beweisfotos oder verlässliche Zeugen so unglaubwürdig klingen, dass sie in Jägerkreisen (und erst recht in Nichtjägerkreisen) oft als Hirngespinste, Phantasien oder gar als Lügen abgestempelt werden. Und doch, etwas Wahres ist an jeder Geschichte. Oft kann so ein Erlebnis nicht nachgewiesen werden, aber manchmal kommt die Glaubwürdigkeit der Geschichte doch ans Licht, auch wenn es Jahre dauert, wie im nachfolgenden Fall.

1993 erzählte Erich, der damalige Pächter eines 1000-Hektar-Reviers im Unterallgäu, mir eher beiläufig, dass er bei einem Abendansitz einen weißen Dachs gesehen habe. Natürlich war mein Interesse als Naturfotograf geweckt und ich unternahm wochenlang alle erdenklichen Anstrengungen, um dieses seltenen Tieres ansichtig zu werden. Auf verschiedenen Kanzeln in diesem Teil des Reviers saß ich morgens noch bei völliger Dunkelheit an und abends, bis es rabenschwarze Nacht war. An den bekannten Bauen wartete ich, bis die Dachse ausfuhren. Doch es ließen sich nur normal gefärbte Dachse bestätigen. Ein weißes Tier kam niemanden in Anblick und so geriet der mysteriöse weiße Dachs in Vergessenheit.

Mein erster Gedanke war: eine weiße Katze. Doch dafür war das Tier zu groß.

Die Jahre vergingen und irgendwann, drei oder vier Jahre später, hörte ich von Erich erneut, dass er den weißen Dachs wieder gesehen habe und zwar von derselben Kanzel aus wie Jahre zuvor auch. Ich besetzte wiederum alle Kanzeln in der Gegend und kontrollierte die Baue. Tag und Nacht war ich im Revier, doch der weiße Dachs blieb unsichtbar. Und so vergingen die Jahre erneut bis zum 30. April des Jahres 2000. Einen Tag vor Beginn der Jagdzeit bezog ich morgens gegen halb fünf Uhr eine Kanzel (es war zufällig dieselbe, von der Erich aus Jahre zuvor den weißen Dachs gesehen hatte), um zu schauen, ob es lohnen würde, dass ein Jäger für den 1. Mai auf einen Jährling oder ein Schmalreh ansäße. Der weiße Dachs war längst wieder in Vergessenheit geraten, wurde er doch bisher nur von Erich zweimal gesehen. Es war genau zehn Minuten nach fünf Uhr und noch fast stockdunkel, als ich etwas Helles im dunklen Gras erkannte, etwa 40 Meter entfernt. Durch den milchigen Morgennebel und die Dunkelheit konnte ich keine genauen Umrisse feststellen, nur dass sich etwas Helles bewegte, war einigermaßen zu erkennen.

Mein erster Gedanke war: eine weiße Katze. Doch dafür war das Tier zu groß. Plötzlich fiel mir der weiße Dachs von Erich ein und tatsächlich, je länger ich das Wesen mit dem Fernglas betrachtete, wie es gemächlich am Hochsitz vorbeizog, desto größer wurde die Überzeugung, den weißen Dachs vor mir zu haben. Nach wenigen Augenblicken hatte ihn die Nacht verschluckt und nur noch leichte Nebelfetzen lagen über der Wiese. Meine Gedanken gingen zurück – einige Jahre weit. Erich hatte also doch Recht gehabt, es gab ihn tatsächlich! Aber wo war nur sein Bau? Ich hatte doch damals fast jeden Quadratmeter des Waldes abgesucht und nichts gefunden. Jetzt, da ich wusste, dass es ihn wirklich gab, verdoppelte ich die Anstrengungen noch, um seinen Bau zu finden – aber ich entdeckte keinen, aus dem abends ein weißer Dachs ausfuhr.

Es war zum Haareraufen und so vergingen wieder drei Monate, bis ich Mitte Juli, auf der Suche nach Fotomotiven, durch einen etwa 25 Jahre alten Fichtenbestand marschierte. Eigentlich eine trostlose Gegend. Kein grüner Grashalm wuchs hier, nur dünnstämmige Fichten standen eng beieinander. Zentimeterdick lagen die Fichtennadeln und dämpften den Schritt. Es ging leicht bergan, als ich hellen Sand und Lehm zwischen einigen Fichten bemerkte. Tatsächlich, da hatte ein Dachs seinen Bau angelegt, wie die Rinne vor der einzigen Röhre bewies. Einige Zentner Erdreich waren aus der Röhre gegraben und im Laufe der Jahre wie eine Plattform vor ihr aufgetürmt worden. Sollte das etwa die Behausung des weißen Dachses sein? Total untypisch für einen Dachsbau. Nur eine einzige Röhre, keine Kotlöcher in unmittelbarer Nähe – und doch bewiesen die frischen Spuren im weichen Sand, dass der Bau bewohnt war. An einer Stelle neben der Röhre war der Sand ganz festgetreten, ein Zeichen dafür, dass hier länger jemand saß oder spielte. Dieser Bau war bis dato allen Mitjägern des Reviers unbekannt, ihn hatte ich in all den Jahren nicht gefunden. Er lag rund 300 Meter von der Kanzel entfernt, von der aus ich am 30. April den weißen Dachs gesehen hatte. Hier musste ich am Abend ansitzen!

es verging nur eine kurze Zeit, dann verließ ein sechster Dachs den Bau – dieser Dachs war schneeweiß.

Weißer Dachs

Zusammen mit Werner, dem inzwischen neuen Pächter des Revieres, saß ich abends ab 19.30 Uhr am Bau. 15 Meter entfernt davon machten wir es uns gemütlich und warteten. Schummriges Dämmerlicht herrschte hier zwischen den Stämmen, während der nahe Waldrand noch von der Abendsonne beschienen wurde. Es waren erst 20 Minuten vergangen, als ohne Vorwarnung plötzlich der schwarz-weiß gestreifte Kopf eines Dachses an der Röhre zu sehen war. Vermutlich wurde von hinten kräftig nachgeschoben, denn nach und nach verließen jetzt vier Dachse den Bau und tummelten sich vor der Röhre auf der Plattform. Nach kurzer Zeit kam noch ein weiterer Grimbart aus dem Bau, der deutlich größer war als die vier anderen. Also vier Jungdachse und ein Elternteil – aber dann fehlte ja noch einer! Und tatsächlich, es verging nur eine kurze Zeit, dann verließ ein sechster Dachs den Bau – dieser Dachs war schneeweiß. Uns fielen fast die Augen aus dem Kopf, als er in voller Größe vor der Röhre stand und von den vier Jungdachsen bedrängt wurde. Das diffuse Licht war völlig ausreichend, um ihn näher betrachten zu können. Ohne jede Zeichnung am Kopf, ohne ein schwarzes oder graues Haar, keine roten Augen, keine dunklen Krallen – kurzum: An diesem Dachs war alles weiß, mit leichtem gelblichen Einschlag am Hinterteil. Sogar die Zitzen konnten wir erkennen, also handelte es sich um eine Fähe mit vier normal gefärbten Jungen und einem normal gefärbten Männchen. Eine halbe Stunde beobachteten wir das Treiben der sechs Dachse, dann zogen wir uns lautlos zurück. Natürlich drehte sich an diesem Abend das Gespräch nur noch um diesen weißen Dachs. Wie konnte er nur so lange (fast) unsichtbar bleiben? Irgendein Jäger oder Landwirt hätte ihn doch in den acht Jahren einmal zu Gesicht bekommen müssen. Fragen über Fragen, auf die es keine Antworten gab.

Jungdachse

Zwei Jungdachse posieren vor der Kamera.

In aller Ruhe postierte ich am nächsten Tag meine Kamera und die Blitzgeräte in einiger Entfernung des Baus und am Abend war alles für das Fotografieren des weißen Dachses vorbereitet. Fünf Minuten später als am Vortag verließ – diesmal als erster – der weiße Dachs den Bau. Als er halb aus der Höhle gekommen war, drückte ich den Auslöser der Kamera. Das Aufleuchten der Blitze ließ ihn augenblicklich wieder in der Röhre verschwinden, aber nach zwei Minuten schob er vorsichtig den Kopf wieder heraus und äugte in die Richtung, aus der es geblitzt hatte. In dem Moment drückte ich erneut den Auslöser und das zweite Foto des weißen Dachses war geglückt. Diesmal verschwand er nicht wieder im Bau und bevor ich richtig reagieren konnte, trabte er über die Plattform und verschwand auf seinem Wechsel im Wald. Ein Foto von zwei neugierigen Jungdachsen gelang mir einige Zeit später auch noch, bevor ich zusammenpackte und hocherfreut den Heimweg antrat. Um allzu große Störungen zu vermeiden und den Dachsen keinen Grund zu geben auszuziehen, suchte ich den Bau nur ab und zu auf, zumal die Jungen größer und selbstständiger wurden und die Familienbande ab August zerbrach.

Steinmarder

Steinmarder laben sich am Dörrobst.

Um den Dachs nicht nur am Bau zu fotografieren, bestückte ich einen alten, neben seinem Wechsel stehenden Baumstubben mit Dörrobst und anderen Leckereien – in der Hoffnung, dass er auf seinen nächtlichen Streifzügen daran vorbeikommt und sich dank Lichtschrankentechnik selbst fotografiert. Hocherfreut war ich, als nach der dritten Nacht das Dörrobst verschwunden war und die Kamera 28 Bilder belichtet hatte. Doch statt des erhofften weißen Dachses waren darauf „nur“ vier Steinmarder (vermutlich Jungtiere) zu sehen, die sich das Dörrobst schmecken ließen. Auch einige andere Versuche brachten nicht den gewünschten Erfolg und so wurde das Vorhaben, ein Foto des weißen Dachses mit Jungen zu ergattern, auf das Frühjahr 2001 verschoben.

Die nächste, stark befahrene Straße ist zwei Kilometer entfernt und selbstverständlich war der weiße Dachs für alle Jäger während der Schusszeit auf Dachse tabu. Somit war ich guter Dinge, dass es im nächsten Frühjahr mit der Fotoserie klappen würde. Ab und zu inspizierte ich in den Wintermonaten den Bau. Frische Spuren im Schnee zeigten an, dass er noch befahren war. Eine Ansitzleiter platzierte ich rund 15 Meter entfernt, somit war alles Notwendige getan.

Sollte eines der Jungen die Gene des weißen Dachses in sich tragen, wird es vielleicht wieder mal das Phänomen geben

Weißer Dachs

Die tot aufgefundene Dachsfähe.

Am 25. März 2001 wurden aber mit einem Schlag sämtliche Hoffnungen zunichte gemacht: Ein Bauer rief an und erzählte, auf seiner Wiese liege ein toter, weißer Dachs. Nur etwa 400 Meter vom Bau entfernt wurde er geborgen und einem Präparator übergeben. Dieser konnte beim Abschwarten keinerlei Verletzungen feststellen, weder Blutergüsse noch Einschussloch oder Knochenbrüche. Mit nur 9,5 Kilogramm Gewicht war unsere Dachsfähe stark abgemagert, hatte einen deutlichen Zahnabschliff, aber keine Milchzitzen. Damit war wenigstens sichergestellt, dass keine Jungen im Bau waren, die natürlich elend verhungert wären. Um die genaue Todesursache dieses seltenen Tieres zu klären, wurde der gesamte Kern nach Oberschleißheim an das Landesuntersuchungsamt für das Gesundheitswesen Südbayern geschickt. Aber auch dort wurde nichts Verdächtiges festgestellt. Da der „Geist der Dunkelheit“ mindestens schon acht Jahre alt war, starb unsere Dachsfähe vermutlich an Herzversagen und Altersschwäche.

Sollte eines der Jungen, welche im Laufe der Jahre geboren wurden, die Gene des weißen Dachses in sich tragen, wird es vielleicht wieder mal das Phänomen eines weißen Dachses geben. Vorerst aber lebt das schwarz-weiß gestreifte Männchen allein in seinem Bau im düsteren Fichtenwald.

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