Frühjahrszeit ist der Beginn der Lehrgangszeit

Wer die Anlagenförderung von Jagdhunden bei der Früherziehung richtig nutzen will, muss die verschiedenen Entwicklungsphasen berücksichtigen.

Hundeausbildung mit der Reizangel

Hundeausbildung mit der Reizangel, Foto: Joachim Orbach

Anlagen fördern und Früherziehung

„Gleichgültig wie gut die ererbten Eigenschaften eines Hundes auch sein mögen, sie werden nie so gut werden, wie sie hätten werden können, wenn seine Anlagen bis zu einem Alter von 16 Wochen nicht entwickelt und gefördert wurden.“

Diese Worte von Pfaffenberger kann man, wenn es um die Entwicklung und Förderung unserer Hunde geht, als wissenschaftlich erwiesen betrachten. Die Nutzung der gesicherten Erkenntnisse der Verhaltensforschung sind daher angesagt. Ihre Bedeutung für Zucht und Führung sowie ihre Wechselwirkung mit den züchterischen/führerischen Aufgaben und Nöten darzustellen, kommt meiner Meinung nach unter anderem auch als eine wesentliche Aufgabe den Zucht- und Prüfungsvereinen zu.

Zu bedenken geben möchte ich, dass die Problematik in der Nutzanwendung der Verhaltensforschung oftmals im Wesentlichen darin liegt, dass häufig vielfältige Erkenntnisse sowie Begriffe unterschiedlich definiert und interpretiert werden.

Dies liegt insbesondere auch daran, dass vielfach von „Hundeausbildern/-abrichtern“ propagierte oder verfasste neue Bücher erscheinen – zum Teil mit „neuen revolutionären Methoden“. Festzustellen bleibt aber in diesem Zusammenhang, dass der Jagdgebrauchshundverband (JGHV) bereits im Jahre 1975 durch die Veröffentlichung der Arbeiten eines wissenschaftlichen Ausschusses den Grundstein für Nutzanwendung der   Verhaltensforschung im Jagdgebrauchshundwesen legte.  

Wenn es nun um die Nutzanwendung der Erkenntnisse aus der Verhaltensforschung für das Jagdgebrauchshundwesen geht, sind besonders die Namen von Eberhard Trumler, Heinz Weidt und Heinrich Uhde zu nennen.

Die verschiedenen Phasen der Entwicklung:

Vegetative Phase wird die Phase der ersten beiden Lebenswochen bezeichnet, da die Welpen hier noch völlig taub und blind sind.

Übergangsphase ist die Phase in der 3. Lebenswoche. In ihr öffnen zum ersten Mal die Welpen ihre Augen, und auch der akustische Sinn erwacht. Zudem erfolgt die erste instinktgesteuerte Kontaktaufnahme zu den Wurfgeschwistern.

Prägungsphase ist die Phase von der 4. bis zur 8. Lebenswoche unter Obhut der Hündin und des Züchters. Prägung ist auf einen bestimmten kurzen Zeitraum begrenztes Lernvermögen. Deshalb spricht man auch im Zusammenhang mit Prägung von einer Phase (Prägungsphase). Außenfaktoren, wie Leben mit den Wurfgeschwistern und der Mutter, behütetes Erleben der Umwelt, akustischer und geruchlicher Kontakt zum Menschen (nicht nur zum Züchter), ungehemmte Spielmöglichkeiten und freie Entfaltung bilden die Grundlage des Wesens mit. Erwünscht wird hier eine innerartliche Sozialisierung, eine allgemeine Prägung auf den Menschen, eine Selbstsicherheit gegenüber der Umwelt, Kontaktfreudigkeit, ein starker Spiel- und Lerntrieb. Unerwünscht hingegen ist Angst und Scheue vor der Umwelt (Scheue bis Angstbeißer gegenüber Menschen, gestörtes Spiel- und Lernvermögen).

In der Nutzung dieser Phase ist der Züchter besonders gefragt. Wichtig ist insbesondere auch der artgerechte Welpenaufzuchtzwinger und der Auslauf. Denn alles, was in dieser Zeit geprägt bzw. nicht geprägt wird, bleibt in der Verhaltensweise eines Hundes erhalten. Die Prägungsphase, in der auch die Lernfreude und der Nachahmungstrieb erwacht, endet um die 8. Lebenswoche. In dieser Zeit wird der verantwortungsbewusste Züchter seine Welpen allgemein auf Mensch und Umwelt prägen und ihnen den Neugier- und Erkundungstrieb möglichst oft außerhalb des Zwingers erfüllen.

Hundeausbildung mit der Reizangel am Gewässer

Hundeausbildung mit der Reizangel am Gewässer, Foto: Joachim Orbach

Sozialisierungsphase ist die Phase von der 8. bis 13./14. Lebenswoche. Unter Sozialisierung verstehen wir ein auf einen bestimmten Zeitraum begrenztes Lernvermögen zur Gemeinschaftsbildung. Spielen mit Artgenossen, dem Hundeführer und Fremden, Zuwendung und Geborgenheit, Geduld und Konsequenz, behütete, schrittweise (den Welpen aber noch nicht überbelastende)  Konfrontation mit Belastungssituationen der Umwelt und des Jagdbetriebs fördern den jungen Hund. Es eignen sich zum Beispiel Beutefangspiele an der Reizangel, Futterschleppe, schrittweise Gewöhnung an stärkere optische und akustische Reize oder Übungen an einem Rohrstück für Erdhunde. Dies heißt aber nicht, den Welpen in dieser Phase mit möglichst vielen neuen Sinnesreizen und Eindrücken zu konfrontieren. Mit der Übernahme des Welpen durch seinen neuen Besitzer beginnt nicht nur die Beziehungsarbeit, sondern auch die artgerechte Erziehungsarbeit. Tabuisierung, artgerechte Disziplinierung, Autoritätsaufbau und strikte Einhaltung von Regeln sind besonders zu beachten und nicht stures Drillen auf Einzelhandlungen.

Spielen heißt: beständiger Wechsel des Tuns! Spielschritte erfolgen immer vor den parallelen Ausbildungsschritten wie z. B. Sitzübungen. Besonders empfehlenswert dürfte die Teilnahme an einem Welpenkurs für Jagdhunde sein. Zucht- und/oder Jagdgebrauchshundvereine bieten solche Kurse entsprechend auf die Altersabschnitte der Welpen und späteren Junghunde abgestimmt an – wobei oftmals auch die Rasse und deren Verwendungszweck zu berücksichtigen ist. Hier empfiehlt es sich, dass der Kursleiter einen entsprechenden Kursplan erstellt sowie es einst auch von Altmeister Dr. C. Tabel für Abrichtelehrgänge vorgeschlagen wurde. Denn wird bereits schon die Sozialisierungsphase von dem Führer nicht richtig genutzt, so sind Unsicherheit, übersteigertes Aggressionsverhalten gegenüber Menschen und anderen Hunden, Verlassenheitsangst, Hemmungen des Lern- und Spielverhaltens und mangelnde Führigkeit (also die Bereitschaft des Hundes, dem von ihm anerkannten Meuteführer Mensch ohne Zwangseinwirkung zu dienen – die Führigkeit zeigt sich ausschließlich in der Zusammenarbeit mit dem Führer) vorprogrammiert.

Rangordnungsphase ist die Phase etwa ab der 14. bis 20. Lebenswoche. Der Begriff Rangordnung besagt zunächst, dass es innerhalb einer Gruppe rangmäßig höherstehende und tiefere Individuen gibt, wobei sich aus der jeweiligen Ranghöhe des einzelnen eine gewisse Ordnung ergibt. Während der Rangordnungsphase wird unter anderem diese Rangordnung „eingespielt“. Das erzieherische Spiel mit einer gewissen Konsequenz bleibt natürlich auch in der Rangordnungsphase das elementare Erziehungselement, denn bereits hier werden die Voraussetzungen zur Akzeptanz des Hundeführers als Rudelchef und zur Gefolgschaftstreue geschaffen.

Rudelordnungsphase ist die Phase etwa von der 20. bis 28. Lebenswoche. Es ist die Zeit des Lernens in der Praxis, die über das simulierte Spiel hinausgeht. Gerade in der Rudelordnungsphase wird man streng und genau darauf achten müssen, dass der Hund Gefolgschaftstreue (eine Art Arbeitsteilung im Rudel zwischen Führer und Hund) und Unterordnung (bestimmende Rangfolge im Rudel) als normalen Lebenszuschnitt begreifen lernt. Auch hier ist nicht stures Drillen von Einzelhandlungen gefragt, sondern beständiges Wechseln des Tuns.

Pubertätsphase ist die Phase etwa von der 28. bis 36. Lebenswoche. Es ist die Zeit des Übergangs zu einem neuen Lebensabschnitt. Halten wir die Regeln der artgerechten Disziplinierung und Tabuisierung konsequent ein, so wird diese Phase genau wie bei menschlichen Jugendlichen schnell ohne Schaden für ein späteres friedfertiges Miteinander überstanden.

Fazit: Dort, wo Welpenkurse mit entsprechenden „Hausaufgaben“ für Jagdhunde angeboten werden, sollte man diese von der Sozialisierungsphase bis zur Pubertätsphase auch nutzen. So bieten diese Kurse mit einem entsprechenden Kursplan gegenüber einem Welpenspieltag doch größere Vorteile. Wichtig ist aber auch immer, dass der zweite Schritt nicht vor dem ersten Schritt gegangen wird. Entsprechende Kurse bieten fast alle Jagdgebrauchshundvereine und auch einige Zuchtvereine als Mitgliedsvereine des JGHV an.

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