Wo ist die Stimme der Jäger in Brüssel?

FACE, der Dachverband der Jagd in Europa, steckt seit zwei Jahren in einer Führungskrise. Ein Kommentar.

Hochsitz

Wissen Sie, was FACE ist? Nein, hier werden keine Englischvokabeln abgefragt. FACE (sprich „Faatze“) steht für „Federation of Associations for Hunting and Conservation of the European Union“. Auf Deutsch: „Die Europäische Föderation der Verbände für Jagd und Naturschutz“. Mitglieder sind die nationalen Jagdverbände aus 36 Ländern, darunter alle EU-Mitgliedsstaaten sowie andere Länder des Europarates. Deutsches Mitglied ist der DJV.

Seit seiner Gründung im Jahre 1977 hat FACE die Jäger Europas bei den Europäischen Institutionen in Brüssel erfolgreich vertreten. Die Themen umfassten die ganze Bandbreite der Jagd – von der Jagd auf Schnepfe und Auerhahn bis zu Jagdwaffen und von der Trophäenjagd bis hin zur FFH-Richtlinie. FACE gibt den europäischen Jägern eine Stimme, so heißt es auf der Webseite des Verbands. Doch diese Stimme haben die Politiker und die Bürokraten, die über die Geschicke der Jagd in Europa bestimmen, in den vergangenen Monaten immer seltener gehört. Denn seit zwei Jahren schlittert die FACE durch eine Führungskrise. Als Folge haben zwei Drittel der Fachkräfte, die sich mit Jagdpolitik beschäftigten, den Hut genommen.

Wirksame Lobbyarbeit für Jäger wäre heute wichtiger denn je

Dabei wäre wirksame Lobbyarbeit für die Jäger heute wichtiger denn je. Es hat noch nie so viele Frontalangriffe auf die Jagd im Europaparlament gegeben, wie in den vergangenen zwölf Monaten. Die Jagdgegner bearbeiten Parlament und Kommission fleißig wie die Honigbienen. „Tierschützer geben sich bei mir die Klinke in die Hand“, sagt der Büroleiter eines Europaabgeordneten. „Jäger waren bei mir noch nie präsent.“

Jagdfeindliche Parlamentarier haben sich Anfang vergangenen Jahres in einer eigenen Gruppe zusammengeschlossen. Sie heißt „Europaabgeordnete für Wildtiere“ und macht gemeinsame Sache mit den ärgsten Tierrechtsorganisationen. Nur mit Mühe konnte ein von diesen Abgeordneten im Europaparlament eingebrachtes Importverbot für Jagdtrophäen kürzlich verhindert werden (wir berichteten). Doch wenn ein Antrag abgelehnt wird, folgt gleich der nächste. Überzeugt von ihrer Gesinnung, sind diese Parlamentarier resistent gegen jegliche Fakten. Auch das Argument der Fachleute in der EU-Kommission, dass nachhaltiger Jagdtourismus dem Naturschutz in Afrika hilft, stößt auf taube Ohren.

Es scheint die Führung zu fehlen, die dem Verband Orientierung geben könnte

Hört man sich bei europäischen Jagdverbänden um, was FACE derzeit leistet, dann rollt man dort zwar mit den Augen, hält sich aber ansonsten bedeckt. Bereits vor einem Jahr schilderten die FACE-Mitarbeiter in einem zweiseitigen Brief an den neuen Präsidenten Dr. Michl Ebner und den Vorstand schonungslos die Lage und forderten den Rücktritt des Geschäftsführers. Nun soll in einigen Wochen ein neuer CEO alles richten. Ob das reicht? Wohl kaum. Es scheint die Führung zu fehlen, die dem Verband Orientierung geben könnte und ihn wieder zu einem wirksamen Instrument der Interessenvertretung ausgestaltet. Einige europäische Jagdverbände haben schon angedacht, selbst in Brüssel präsent zu sein. Aber Zersplitterung ist keine Lösung.

Nur noch zwei Fachkräfte bearbeiten heute in Brüssel alle Themen der europäischen Jagd. Das sind qualifizierte und hoch engagierte Profis, die im Rahmen der Gegebenheiten ihr Möglichstes tun. Ihnen steht jedoch eine dreistellige Zahl von Anti-Jagd- und Pro-Tierrechts-Lobbyisten gegenüber. FACE hat ein Jahresbudget von nicht einmal einer Million Euro, eine Petitesse im Vergleich zur finanziellen Ausstattung der Gegenseite. Gerade einmal 75.000 Euro zahlen Deutschlands Jäger für ihre Interessenvertretung – ohne Bayern, denn der Bayerische Jagdverband ist kein Mitglied. Der Internationale Jagdrat CIC hat vorgeschlagen, dass jeder Jäger einen Euro für die internationale Vertretung seiner Interessen aufbringt. Doch dies trifft bei den meisten nationalen Verbänden bislang auf taube Ohren.

Europas Parlamentarier driften weiter in die Richtung, die ihnen die Jagdgegner vorgeben

In der Zwischenzeit driften die Parlamentarier, und zwar quer durch alle Parteien, weiter in die Richtung, die ihnen die Jagdgegner vorgeben. In einem Beschluss zur Wildereikrise in Afrika hat das EU-Parlament, auch mit den Stimmen von Liberalen, Christ- und Sozialdemokraten, vor wenigen Tagen unterstrichen, „dass die Trophäenjagd zum großflächigen Rückgang von gefährdeten Tierarten, die unter Anhang I und II der Washingtoner Artenschutzübereinkunft gelistet sind, beigetragen hat ...“

Das ist eine glatte Lüge. Es gibt keinen Beleg für diese Aussage. Das Gegenteil ist richtig. Vorbereitet wurde diese Formulierung von „Europaabgeordneten für Wildtiere“ im Umweltausschuss des Parlaments und dann im Plenum nur noch elektronisch abgenickt.

Mit genau so einer Resolution wurde das heutige Totalverbot des Handels mit Seehundprodukten eingeleitet.

Über Amerikas Jagd- und Schützenverbände kann man unterschiedlicher Meinung sein. Über eins allerdings nicht: Die vertreten ihre Interessen wirksam. Wenn die europäischen Jäger sich in Brüssel nicht besser aufstellen als bisher, dann ist ihnen nicht mehr zu helfen. Dann wird Jagen in Europa bald auf das Management und die Kontrolle von „Problemtieren“ reduziert sein.

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