Was die Schweden anders machen

Der unaufgeregte Umgang mit der Forst- und Energiewirtschaft gibt wichtige Denkanstöße.

Foto: Siggy Nowak/Andy_H.

Foto: Siggy Nowak/Andy_H.

Das schweizerische Nachrichten-Startup „Kapaw“ sorgt mit einem Video zur schwedischen Forstwirtschaft für kontroverse Diskussionen. Der Klima-Debatte kann der Denkanstoß nur guttun – auch in Deutschland.

Der Strom für unser altes Haus in der schwedischen Provinz Dalarna kostet aktuell rund 10 Cent fürs Kilowatt. Daheim in Franken sind es 30 Cent. Mais-Wüsten gibt es nicht in Dalarna. Und auch keine neuen Wasserkraft-Projekte. Die meisten Wälder werden nach dem Kahlschlagsprinzip bewirtschaftet. Dennoch gibt es Artenvielfalt wie in deutschen Nationalparks.

Zum Verständnis der weitgehend unaufgeregten Klimaschutz-Debatte in Schweden gehört ein Blick zurück: Noch zur vorletzten Jahrhundertwende waren weite Teile des Königreichs abgeholzt. Geopfert einer Holzkohleproduktion im großen Stil. Eisenerz hatten sie genug, aber keine andere Energie als Holz und Wasserkraft.

Die Folgen: Massenarmut und Massenauswanderung. Kinderarbeit bis in die Neuzeit hinein. Frühe Folgeschäden eines Wirtschaftens zum Schaden der Natur, das den Norden zum Armenhaus Europas werden ließ. Mit spannenden Konsequenzen: Die Regionen einer frühen Industrialisierung wurden zur Wiege der europäischen Arbeiterbewegung und des Sozialstaats skandinavischer Prägung.

Wahr ist: Das Prinzip der Nachhaltigkeit im Umgang mit der Natur gehörte zu den Wurzeln der Wende zum Besseren. Fast zeitgleich entstanden in Schweden und Deutschland Waldgesetze, die dem Raubbau Grenzen setzten. Was eingeschlagen wird, muss nachgepflanzt werden.

Urheber des Umdenkens war ein Deutscher. Der kursächsische Oberberghauptmann Hans Carl von Carlowitz (1645–1714):

„Wird derhalben die größte Kunst hiesiger Lande darinnen beruhen, wie eine sothane Conservation und Anbau des Holtzes anzustellen, dass es eine continuierliche, beständige und nachhaltende Nutzung gebe, weil es eine unentberliche Sache ist.“

Carl von Carlowitz (1645–1714)

Die Jagd war übrigens auch schon früh im Spiel: Unter dem Druck der Arbeiterbewegung öffneten Schwedens Industrie-Barone ihren riesigen Waldbesitz für die Tagelöhner – Ursprung der Arbeiter-Jagdvereine, die vielerorts bis heute das Waidwerk prägen. Bis hin zu Jägerkursen im Bildungsangebot großer Gewerkschaften.

Logisch, auch in Schweden gibt es eine kompromisslose Öko-Bewegung und eine etablierte „grüne“ Partei. Aber die Grundhaltung zum Forst als Wirtschaftsfaktor und zur Jagd als Teil des Nahrungserwerbs ist anders. Rewilding-Fantasien stoßen auf breiten Widerstand. Bis hin zu klaren Parlamentsmehrheiten für eine Begrenzung der Wolfsbestände weit unterhalb deutscher Zielvorgaben.

Während die schwedische Landwirtschaftsuniversität gemeinsam mit Waldbesitzerverbänden und Jägern nach Forstkonzepten für das Miteinander von Wald und Wild forscht, vertieft sich der deutsche Streit um ausufernde Schalenwildbekämpfung in Zeiten des Klimawandels. Und während die Deutschen der Energiewende ihre letzten leidlich intakten Fließgewässer opfern, gilt in Schweden seit dem Jahr 1998 ein Baustopp für neue Wasserkraftwerke – auch gegen das Insektensterben wirksamer als Bienen-Volksbegehren.

Als 1986 im russischen Tschernobyl ein Kernrektor platzte, waren die Folgen in Schweden weit drastischer als in Mitteleuropa. In weiten Teilen Lapplands kam die Rentierwirtschaft zum Erliegen. Viele Familien mussten für viele Jahre auf den Elch-Sonntagsbraten verzichten. Auch in Schweden folgte eine bis heute anhaltende Debatte um den Atomausstieg. Aber bis heute gilt dort, dass an den alten Kernkraftstandorten neue Atommeiler gebaut werden dürfen, um veraltete Anlagen zu ersetzen – zumindest so lange, bis andere Energieträger die Versorgungslücke zuverlässig schließen.

Als die schwedische Klima-Aktivistin Greta Thunberg zart anklingen ließ, dass auch die Kernenergie zu den Übergangsrezepten gegen den Klimawandel gehört, löste das in der deutschen Öko-Szene Entsetzen aus. Aber keine Diskussionen um die Umweltfolgen einer überstürzten Energiewende, die in Schweden bis heute keine Mehrheiten findet, seit im März 1980 bei einer Volksabstimmung 58,1 Prozent der Wahlberechtigten für eine weitere, begrenzte Nutzung der Atomkraft votierten.

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