Die naive Sehnsucht nach der Natur-Idylle

Reethaus

Hochglanz-Hefte zum Leben auf dem Lande haben Konjunktur. Ausgerechnet die Großstadtmenschen sehnen sich nach einer Idylle, die es nicht mehr gibt. Oder zumindest nicht mehr lange, wenn sich die überfällige Umkehr weiter auf Lippenbekenntnisse und nostalgische Schwärmerei beschränkt und das Landleben zum kostspieligen Zweitwohnungsvergnügen für Stadtmenschen verkommen ist. Zu einer virtuellen Welt, in der zunehmend hinterfragt wird, was den ländlichen Raum ausmacht: Landwirtschaft, Jagd und Fischerei zumal.

Balanceakt: Wildnis und von Menschen geprägte Kulturlandschaft

„Das geteilte Land“ heißt eine Serie, die das schwedische Staatsfernsehen im Jahr 2015 ausstrahlte. Es geht um Krankenhäuser, die geschlossen werden sollen, um überalterte Gemeinden, in denen immer mehr Häuser leer stehen. Und um die Wildnis, die Stadtmenschen der Landbevölkerung zumuten wollen. Zum Beispiel mit der Affenliebe zu den wiedereingebürgerten Wölfen, die den Weidetierhaltern das Überleben noch schwerer machen, als es ohnehin schon ist.

Das dünn besiedelte Schweden ist nicht Deutschland. Aber wenn es in Europas Norden offenbar kaum gelingt, Wildnis und von Menschen geprägte Kulturlandschaft unter einen Hut zu bringen, wird überdeutlich, dass in unseren Breitengraden ein solcher Balanceakt Augenmaß und Kompromissbereitschaft verlangt. Und dass dieser Ausgleich nicht gelingen kann, wenn zunehmend urban geprägte Gesellschaften ihren Traum von einer heilen Welt zum Schaden der ländlichen Räume durchsetzen wollen.

Der ländliche Raum als Hort des Realismus

Landidylle

Wer mag, darf beispielweise gern vegan leben. Aber darf er seinen Mitmenschen deswegen altertümliche Lebensmittelproduktion zumuten, die mit Sicherheit zu Mondpreisen führen müsste und dennoch den Bauern das wirtschaftliche Überleben noch schwerer macht? Muss sich die Bürgermehrheit damit etwa ebenso abfinden wie mit den Folgen der Illusion, dass Kulturlandschaft ohne die Jagd erhalten bliebe?

Wenn immer weniger Landwirte immer mehr Menschen ernähren und zugleich die Nahrung einen immer kleineren Teil der Lebenshaltungskosten beanspruchen darf, kann das nicht ohne Folgen für die Natur bleiben. Solchen Zusammenhang zu leugnen, bedarf einer Arroganz, die sich allenfalls Wohlhabende leisten können. Und dies auch nur dann, wenn sie den Hunger nicht wahrnehmen, der sich nicht allein auf die Dritte Welt beschränkt.

In solchem Vergleich ist der ländliche Raum ein Hort des Realismus. Dort wissen die Menschen auch ohne Universitätsexamen, dass erfolgreiches Wirtschaften der Nachhaltigkeit bedarf – und dass das Unglück meist daher rührt, dass solche Nachhaltigkeit in vielen anderen Bereichen des industriellen Wirtschaftens der Ballungsräume zu den eher nachrangigen Tugenden gehört. Warum richtet sich die Städter-Sehnsucht so sehr aufs Landleben, wenn ihnen dessen Regeln so fremd sind? Oder gar verhasst?

Es herrscht ein Zeitgeist, der Tradition und Realität leugnet

Windkraft

Logisch, zu den Folgen der Landflucht gehört auch die Politiker-Ahnung, dass Wahlen nicht im ländlichen Raum entschieden werden, sondern in den großen Städten. Längst sind auch Konservative anfällig geworden für einen Zeitgeist, der Tradition und Realität leugnet. Das neue Jagdgesetz der schwarz-grünen Koalition in Hessen belegt solchen Vorwurf. Geschrieben von Gegnern der Jagd, vom kleinen Partner der Wiesbadener Koalition ohne Rücksicht auf besseres Wissen umgesetzt.
Es gibt auch die Sicht, dass die Gesellschaft zurückkehrt zur biedermeierlichen Neigung, den ländlichen Raum wie ein Reservat zu sehen. Als einen großen Discountladen für eine vermeintlich heile Welt mit glücklichen Kühen und Schweinsbraten zu Spottpreisen. Aber möglichst mit Skiliften und Schneekanonen an jeder Ecke und mit schnellem Internet fürs Smartphone.

Die Naturferne reicht dabei bis zum guten Gewissen, Ökostrom sei auch dann naturverträglich, wenn er aus Mais und Weizen gewonnen wird – und ökologisch bedenklich, wenn Dorfmenschen daran via Windpark Geld verdienen. Der Zusammenhang zwischen Artensterben und Wasserkraftprojekten an den wenigen noch unverbauten Flüssen wird ebenso geleugnet wie die Notwendigkeit, dass sich Wälder auch für ihre Besitzer rechnen – Jagdpacht inklusive.

Eine florierende Spendensammler-Branche nützt eine verengte Weltsicht, die Tierrechte am liebsten dann verteidigt, wenn es gegen Jäger und Fischer geht – und nicht um unbequeme Dinge wie die Anleinpflicht für schlecht erzogene Hunde oder gar den Umgang mit Wölfen, die sich nicht an ihre angeblich angeborene Scheu dem Menschen gegenüber halten.

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